1997: Das erste Buch von Thom Hartmann ist soeben in deutscher Sprache erschienen:
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Eine andere Art, die Welt zu sehen ISBN 3-7950-0735-6 Verlag Schmidt Römhild "Innovativ und frisch ... statt das Syndrom als behindernde Krankheit zu porträtieren, demonstriert Thom Hartmann, daß ADD mit Erfindungsgeist, hohen Leistungen und einem überaus erfolgreichen Anpassungstalent verbunden sein kann." - Dr, Edward Hallowell, Cambrigde, Massachusetts und Fakultät der Harvard Medical School, Experte für ADD Hartmann schreibt über dieses Buch im Rückblick:
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"1992 lebten wir wieder in Atlanta und unser Sohn Justin, dessen Geburt 1978 die Vollzeitarbeit in SALEM angekündigt hatte, begann Probleme mit seinen Noten in der Schule zu bekommen. Wir besuchten mit ihm einen Psychologen, um festzustellen, ob er Lernschwächen habe und der Geselle erklärte uns versonnen, daß Justin eine "Gehirn-Erkrankung" habe, die man Aufmerksamkeits Defizit Disorder nennen würde oder auch kurz ADD. Dies sandte mich auf eine Jahre währende Wanderschaft durch die Archive. Ich hörte alles über ADD, während ich SALEM leitete: Die große Mehrheit unserer Kinder kam zu uns mit diesem Etikett, oder mit dem weniger milden Label MCD (Minimale Cerebrale Dysfunktion) oder den bekannten Hyperaktivschildchen. Wir führten sogar eine Studie über die Feingold Diät durch, die ich im "Journal der Orthomolekularen Psychiatrie" veröffentlichte. Aber mein eigenes Kind? Es war erschreckend. Je mehr ich über ADD sammelte, desto klarer wurde es mir, daß Justin nicht der einzige in der Familie war, der es hatte - was auch immer "es" war. Immer wieder erkannte ich mich in der Diagnose wieder und wurde entschlossener alles nur Erfahrbare darüber zu lernen. Die grundlegende Merkmale des ADD sind Ablenkbarkeit, Impulsivität und die Liebe riskanter oder hochaufregender Situationen. Während die übliche Meinung davon ausgeht, daß es sich hier um Behinderungen handelt, erschien es mir bei genauerem Hinsehen, daß genau diese Eigenschaften in bestimmten Situationen Vorteile sein könnten. In einer primitiven Jäger-Gesellschaft, zum Beispiel, würde eine Person, die ihre Umgebung ständig überwacht (Ablenkbarkeit), die fähig ist, eine Situation sofort auszunutzen (Impulsivität) und die darüber hinaus willens und freudig genug ist, den Dschungel zu betreten, um dort zu jagen oder gejagt zu werden (Risikofreudigkeit), einen absoluten Vorteil besitzen." Hartmann 1996. Hier das Vorwort der Hypies Berlin (Klick) gefolgt von zwei Ausschnitten aus den Buch, mit Genehmigung des Autors: Ausschnitt eins: Sehr wenige reine Jäger-Gesellschaften sind auf unserem Planeten verblieben, und keine von ihnen gedeiht in der industrialisierten Welt. Die meisten der modernen Arbeitsstellen erfordern eine Farmer-Mentalität - zu einer bestimmten Zeit auf der Arbeit auftauchen, eine Aufgabe für eine bestimmte Anzahl von Stunden erledigen, und das Tagesende in Ruhe zu verbringen und sich auf den nächsten Tag vorzubereiten. Stecken Sie diesen Bolzen in jenes Rad, immer und immer wieder. Treffen Sie sich mit diesen Leuten , verstehen Sie dieses Konzept, bewegen Sie dieses Papier von Schreibtisch A zu Schreibtisch B und dann zurück. Unsere Schulen orientieren sich genauso an diesen Farmer-Richtlinien. "Sitz still am Schreibtisch", wird Kindern gesagt, während der Lehrer redet und die Aufmerksamkeit auf Seiten im Buch lenkt. Ignoriere das Kind neben Dir, das schnieft; raschle nicht mit Deinen Papieren; lies nicht, was im Buch weiter hinten steht. Für einen gewieften Jäger, der eine geringe Toleranz hat, was Langeweile anbetrifft, ist das eine Tortur. Es ist eine Anweisung zum Versagen. Und, im gleichen Maße, wie unsere Schulen an einem Mangel an Finanzierung leiden und die Größe der Schülerzahl in den Klassen anwächst, wächst die Konzentrationsschwäche. In einer Klasse mit 15 Kindern dürfte ein ADD-Kind wenige Probleme haben, mit denen nicht der Lehrer allein fertig würde. Aber da unsere Schulen unter der ansteigenden Bürde der Unterfinanzierung und Lehrerüberlastung/-überarbeitung zu leiden haben, werden Jäger-Kinder zunehmend auffällig. Als Resultat scheint es eine plötzliche Epidemie von ADD zu geben. Ausschnitt zwei: MEDIKAMENTE FÜR ADD Geschichten von Hunter-Erwachsenen, die zwischen zehn und sechzig Tassen Kaffee am Tag trinken, nur um ihre unangenehmen Farmer-Jobs auszuhalten, bekommt man bei allen Treffen von ADD-Erwachsenen oder bei auf ADD spezialisierten Psychiatern immer wieder zu hören. Wenn man diese ungeheuren und oft völlig wirkungslosen Koffeinmengen dann durch eine kleine Dosis Ritalin oder Dexedrine ersetzt, kommt es oft zu erstaunlichen Veränderungen, einer "Heilung" der Aufmerksamkeits-Defzit-Störung, zumindest solange die Person das Medikament einnimmt. Das führt nicht immer zu den gewünschten Ergebnissen, aber bei vielen zeigt es gute Erfolge. Ehefrauen erzählen, daß ihre Männer, die das Medikament zu nehmen begannen, "jetzt aufmerksam sind, an einer Stelle sitzenbleiben und eine halbe Stunde richtig zuhören - zum erstenmal seit Jahren." Beziehungen verbessern sich, sie arbeiten effektiver, aus waghalsigen Unternehmern werden gute Manager und aus Sorgenkindern gute Schüler, die ihre alten Spielkameraden, auch Unruhestifter, jetzt eher mit Verachtung strafen. Einige ehemalige Alkoholiker und Drogensüchtige (sehr wahrscheinlich gerade die ADD-Hunter in dieser Personengruppe), die behaupten, daß ihr Wunsch "die Langeweile zu beenden" und/oder "all die Störsignale auszublenden" der Grund für ihren Einstieg in die Sucht war, haben sogar den Eindruck, daß ihr Verlangen nach Alkohol und/oder Drogen dramatisch zurückgegangen ist, seit sie mit der Ritalin-Therapie begonnen haben. Immer mehr Erzählungen von Betroffenen lassen vermuten, daß Probleme mit der Impulskontrolle e, wie z.B. Promiskuität (möglicherweise sogar Vergewaltigung, Gewaltkriminalität usw.) kontrollierbar werden, wenn eine ADD-Person mit Ritalin oder einer anderen üblicherweise bei ADD verschriebenen Substanz behandelt wird.
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Ich saß einmal beim Treffen einer Selbsthilfegruppe von ADD-Erwachsenen hinten in der letzten Reihe und hörte zu, wie die Teilnehmer davon erzählten, daß Ritalin oder Dexedrine ihr Leben gerettet hätte, und ich fragte mich, ob ich wohl ähnliche Geschichten von Arthur Conan Doyle zu hören bekommen hätte, der ja behauptete, daß ihm das Kokain die geniale Inspiration zu seinen Sherlock-Holmes-Geschichten gab. Hätte etwa eine Gruppe von Freuds Kokain-Patienten Ähnliches anzubieten gehabt? Oder ein Damenzirkel des neunzehnten Jahrhunderts, dessen Teilnehmerinnen alle Lydia Pynkhams Tonikum getrunken hatten, eines der Dutzenden von Stärkungsmitteln jener Zeit, die Kokain, Opium oder sogar beides enthielten und mehr als 150 Jahre lang in Amerika frei verkauft und von so ehrenwerten Herrschaften wie Senatoren, Präsidenten und ihren Gattinnen konsumiert wurden? |
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Auch Heroin kam anfangs als Hustensaft auf den Markt und war jahrelang in Drogerien und Apotheken ohne Rezept erhältlich. Viele Leute berichteten, daß es mehr als nur ihren Husten heilte, und in "gebildeten Kreisen" war dieses "Elixier" bald sehr beliebt.Zurück zu unserer Frage: Könnte es sein, daß Medikamente wirklich das "Heilmittel" für das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom sind? Gewiß, es gibt viele medizinische Untersuchungen und persönliche Erfahrungsberichte, die diese Frage mit "Ja" beantworten. Fragen Sie einen beliebigen Lehrer: Ritalin ist in den amerikanischen Schulen heute so verbreitet, daß es fast unmöglich ist, einen Lehrer zu finden, der keine Jekyll-und-Hyde-Story über Kinder erzählen kann, die Probleme machten oder hatten und zu "Einser"- oder "Zweier"-Schülern wurden, sobald sie begonnen hatten, Ritalin zu nehmen. Und wenn wir unsere Gefängnisse mit ihrem hohen Prozentsatz an ADDlern betrachten, so müssen wir uns einfach fragen, was aus diesen Menschen geworden wäre, wenn sie in jungen Jahren Zugang zu dieser medikamentösen Therapie gehabt hätten. Die Statistiken zeigen, daß ADD eine "Krankheit" ist, die bei mittelständischen weißen Kindern weit häufiger ist als bei armen schwarzen oder anderen Minderheiten; aber es argumentieren auch viele, daß dies kein Zeichen für einen genetischen Unterschied ist, sondern lediglich die Tatsache widerspiegelt, daß diese beiden Bevölkerungsgruppen nicht gleich guten Zugang zur medizinischen Versorgung und zu Diagnoseeinrichtungen haben. Es ist auch interessant, daß die überwältigende Mehrheit der Häftlinge bereits lange vor ihrer Inhaftierung mit Drogen experimentiert hat oder psychoaktive Medikamente eingenommen oder mißbraucht hat. (Viele von ihnen setzen diesen Drogenkonsum auch während ihrer Haft fort, aber das steht auf einem anderen Blatt.) Könnten das vielleicht Versuche zur Selbstmedikation ihres ADD, zur "Heilung" ihrer medizinischen "Funktionsstörung" oder "Fehlfunktion ihres Gehirns" gewesen sein, wobei der Drogenhändler an der Straßenecke hier die Rolle übernimmt, die bei Wohlhabenderen der Psychiater spielt? NICHT-MEDlKAMENTÖSE ALTERNATIVEN In diesem Zusammenhang ist die Ritalin-Therapie für ADD sicher ein angemessener und vielleicht sogar lebenserhaltender Schritt. Das kann insbesondere für diejenigen Hunter zutreffen, die in ausweglosen Farmer-Lebenssituationen feststecken, oder für die, deren Impulsivität sie selbst oder andere gefährdet. Es wäre auch eine andere Sichtweise denkbar: 1. Leute nehmen Drogen, um mit der Schwierigkeit zurechtzukommen, die man als Hunter in der Welt der Farmer hat. 2. Es ist keine Lösung, die Art, Dosierung oder Häufigkeit der Medikamenteneinnahme zu ändern, sondern man sollte für diese Leute Hunter-Jobs oder angemessene Schul- und Lebensbedingungen suchen und ihnen die (bereits erwähnten) grundlegenden Fertigkeiten für das Leben beibringen, die ihnen auch als Huntern zum Erfolg verhelfen können. Eine besonders ergreifende Szene erlebte ich beim Treffen einer Selbsthilfegruppe, als ein Mann, der seit neun Monaten und mit dramatischen positiven Ergebnissen mit Ritalin behandelt wurde, aufstand und sagte: "Jetzt muß ich mit meiner Wut klarkommen. Meiner Wut darüber, daß ich jetzt vierzig Jahre alt bin und mein Leben total verschwendet habe. Hätte ich ADD schon in der High School gekannt und wäre mit Ritalin behandelt worden, dann hätte ich die Schule vielleicht geschafft. Das College hätte ich unter Umständen mit Auszeichnung abgeschlossen, und heute wäre ich dann ein erfolgreicher Akademiker und nicht jemand, der in zwanzig Jahren zehn verschiedene Jobs hatte. Ich habe das Gefühl, daß ich mein Leben total verschwendet habe und keine Möglichkeit habe, die verlorenen Jahre wiederzuholen." Er sprach diese Worte mit Tränen in den Augen. Die Erklärung, so wie er es sah: "All die Jahre bin ich krank und gestört gewesen und wußte nicht warum. Jetzt bin ich durch Ritalin geheilt. Aber ich habe all die Jahre verschenkt, in denen ich nicht wußte, was meine Krankheit war." Und natürlich ist er wütend über die verlorene Zeit wütend auf sich; wütend auf die Ärzte, die ihn nicht richtig diagnostizierten; wütend auf die Lehrer, die ihn nur einen Unruhestifter nannten. Doch alternativ könnte man das Modellbeispiel auch so sehen: "All die Jahre war ich ein Hunter, mit vielen Fähigkeiten, die für einen Unternehmer, einen Schriftsteller oder einen Detektiv ideal wären. Statt dessen habe ich zwanzig Jahre damit verbracht, ein Farmer sein zu wollen, in Jobs, die von mir ganztägige Konzentration auf eine Aufgabe am ewig gleichen Schreibtisch verlangten, und das war eine einzige Katastrophe. Ich wünschte, ich hätte schon vor Jahren erkannt, daß ich ein Hunter bin, hätte mich in eine für Hunter geeignete Schule eingeschrieben und Hunter-Jobs gesucht." Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte. Ich habe auch mit vielen Nicht-ADDlern gesprochen, die ebenfalls Experimente mit Drogen (auch mit Ritalin) gemacht haben und sie bei bestimmten Aufgaben und Projekten als hilfreich empfanden. Es kann durchaus sein, daß Ritalin jedem irgendwie nutzen kann, wie es Dr. Bradley 1938 von Dexedrine oder Freud zunächst von Kokain annahm. Und genau das erzählt uns ja täglich das Fernsehen über die andere stimulierende Substanz, die in unserer Kultur so weit verbreitet ist: über Kaffee. Aber wie uns das Heer der Gewohnheitskaffeetrinker rasch versichert, haben stimulierende Mittel eine üble Kehrseite. Leute, die jahrelang Kaffee oder Cola-Getränke zu sich genommen haben, berichten über starke Entzugserscheinungen, wenn sie damit aufhören: Kopfschmerzen, Lethargie, Verstopfung, sogar Migräne-Attacken. Unsere Gehirnaktivität wird von einer Reihe chemischer Substanzen (Neurotransmittern) gesteuert und geregelt, die durch die Einnahme von Methylphenidat (Ritalin) und anderen Stimulanzien beeinflußt werden. Die wichtigsten Neurotransmitter sind Dopamin, Noradrenalin und Serotonin, sowie deren chemische Vorstufen und Abbauprodukte. Eine höhere Verfügbarkeit dieser drei Neurotransmitter beeinflußt u.a. die Frontallappen des Gehirns, wo die Fähigkeit sitzt, von einem konzentrierten auf einen offenen Bewußtseinszustand umzuschalten. Sie beeinflußt auch den Teil des Gehirns, der unser Zeitgefühl kontrolliert. ------------- Ende Ausschnitte ------------------ Copyright Thom Hartmann |
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