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"Was ist Kreativität anderes als Impulsivität, die ins Schwarze trifft?" fragt Dr. Edward Hallowell provokant. Von einer Krankheit möchte der amerikanische Arzt nicht sprechen, eher von einer neurobehavioralen Kondition, denn es hängt ganz vom Betrachter und der Umgebung ab, ob ein Mensch mit ADD ohne weiteres akzeptiert wird oder nicht.Fordert man von diesen Menschen das stundenlange Sitzen an Schreibtischen oder Aufmerksamkeit für sinnesreizarme und langweilige Tätigkeiten, dann werden sie wohl nicht bestehen können, so sehr sie sich auch mühen, weshalb man ihnen das Schildchen "aufmerksamkeitsgestört" angehängt hat. Aber dies ist nur eine Sichtweise. Der Autor Thom Hartmann sieht die Liste der beobachtbaren besonderen Eigenschaften dieser ADDer nicht nur als Laune der Natur. Er hat nach systematischen, biologisch sinnvollen Zusammenhängen gesucht, die ADD in einem anderen Licht erscheinen lassen. Wenn man sich darauf einläßt, seiner Argumentationskette zu folgen, führen seine Beweise uns zu einer Spezies, die eben doch nicht von der Erdoberfläche verschwunden ist: Wir begegnen den Erben der Jäger und Sammler, die mitten unter uns leben. Er macht uns bekannt mit Menschen, die eine andere Zeitwahrnehmung haben, die auf der Fährte einer guten Idee alles um sich herum vergessen können. Ihre Überwachsamkeit im räumlichen und sozialen Sinne ist bemerkenswert. Diese Menschen sind nicht selten erfinderisch und hochintelligent, aber dann wieder zu impulsiv, um die Früchte dieser Gabe zu ernten. Dies läßt die "Jäger und Sammler" unter uns immer wieder frustriert zurück, ein permanenter Mangel an Selbstvertrauen und die kühnsten Pläne andererseits geben sich die Hand. Wir sprechen von Kindern, die im Schulunterricht ihre Sinne oftmals nicht bündeln können, tatsächlich aber in der Lage sind, stundenlang aufregende Computer-Lernspiele zu verfolgen, bzw. bereits im Alter von sieben Jahren bis in die Nacht an einem interessanten Buch zu lesen vermögen. Wir sprechen von Erwachsenen, die bis zum Morgengrauen an einem anspruchsvollen Vorwort für ein Buch sitzen können, um dann erschöpft im Büro zu erscheinen und versehentlich Kaffee über den Kopierer schütten und damit alle je erworbene Reputation einbüßen. Kennen Sie solche? In der modernen Gesellschaft stehen sich die "Erben der Jäger und Sammler" oft genug selbst im Weg, wenn sie es nicht schaffen ihre Natur in Einklang mit ihren Vorhaben zu setzen, eine Natur die sich mit Vorliebe im Widerspruch zu der Welt der Stechuhren, Einkommensteuerformulare, Rahmenpläne und Rechtschreibregeln (eine der am meisten überschätzten Fertigkeiten) befindet. In der Welt der "Farmer" sind diese Menschen die bedrohte Art, die es zu schützen gilt, besonders vor der Entfremdung von sich selbst. In unseren Schulen wird ein ADDer bislang nicht lernen können, mit seiner Natur umzugehen. Seine Unbeständigkeit und Impulsivität, seine Vergeßlichkeit und sein Hang zu Gedanken im Rösslsprung werden die Merkmale seiner Intelligenz meist in den Hintergrund drängen. Dinge die ein durchschnittlicher Schüler ohne Mühe schafft, werden für den ADDer ein unüberwindliches Hindernis, wenn er nicht gelernt hat, sich zu organisieren. Hier ist Hilfe gefragt.
Es ist jedoch erstaunlich, wieviel Energie diese Nachfahren der Jäger freisetzen können, wenn sie es schaffen, ihre Besonderheiten offen zu leben, bzw. die Rahmenbedingungen für ihren Erfolg selbst zu gestalten. Es ist bekannt, daß viele berühmte Erfinder und Personen der Geschichte Unruhegeister der hier beschriebenen Sorte waren. Noch heute erzählt man sich in Amerika die schnurrigen Kapriolen des Erfinders Thomas A. Edison (Telefon, Phonograph, Glühbirne, usw.), der schon früh aus der Schule genommen werden mußte, was offensichtlich nicht weiter geschadet hat. Dem späteren englischen Außenminister Winston Churchill war es erlaubt, nach jeder Schulstunde einmal ums Schulhaus zu rennen, damit er seine Unruhe in den Griff bekam. John Lennon von den Beatles, einer der wortgewandtesten englischen Beat-Poeten, war tatsächlich ein Legastheniker und ein ADDer wie er im Buche steht: Wenn er nicht den Rock'n'Roll gefunden hätte, was dann? In Deutschland müßte man sich einmal genauer umschauen, welche Biographien eine klare Sprache sprechen, aber schon auf den ersten Blick finden sich Leute wie Wilhelm Busch, Wolfgang Neuss, Till Eulenspiegel (wenn es wahr ist, was man über Till schreibt). Der junge Goethe soll entsetzliche Wutanfälle gehabt haben (mangelnde Impulskontrolle) und einmal das Mobiliar aus dem Fenster seines Elternhauses befördert haben. Wir wissen recht gut, daß Goethe für Fragen der Rechtschreibung nur Langeweile empfand, die Aufgabe, die Texte des Genies in korrektes Deutsch zu bringen, hatte das Werk des geduldigen Gehilfen Eckermann zu sein. Eine recht sinnvolle Arbeitsteilung, zwischen Neuerer und Bewahrer, bzw. Jäger und Farmer, die beide wohl zufrieden gestellt hat.
Als letztes möchte ich noch dem vielleicht möglichen Einwurf widersprechen, hier würde der Jäger verherrlicht, der Zeitgenosse, der sich rücksichtslos bedient, der asozial und ohne verbindliche Regeln seinen Weg nach oben erkämpft. Ich möchte dem entgegnen, daß diese Kinder und Erwachsenen eine eigentümliche Gabe für Gemeinschaft haben. Dies schließt nahtlos an Beobachtungen an, die man noch heute bei der Untersuchung von uns verbliebenen originalen Jäger-Gemeinschaften machen kann. Viele dieser Gemeinschaften - nicht alle - leben im Zustand allgemeiner Gleichberechtigung, die in späteren Gesellschaftsformen verloren scheint, einer Gleichheit, die offensichtlich nicht das Ergebnis einer gegenwärtigen oder vergangenen Essenknappheit oder allgemeinen Armut ist, sondern die Folge der allgemeinen, gesellschaftlichen Ideologie dieser Gemeinschaften, die dort oft vorhandene moralische Einstellung, Eigentum in der Gemeinschaft weitestgehend zu verteilen und nicht zum Nutzen der Besitzer, seiner Familie oder Verbündeter anzusammeln. In keiner späteren Gesellschaftsform sind Alte und Junge, Führer und Folgende, Gelernte und Ungelernte so nahe beieinander, ein faszinierendes Untersuchungsfeld fundamentaler menschlicher und sozialer Lebensformen. Der Wunsch nach Nähe, Gemeinschaft und Erlebnissen in der Gruppe, ist eine der empfindlichsten und am meisten enttäuschten "Träumereien" dieser Menschen, in einer Welt, die sich vom allgemein erfahrbaren öffentlichen Leben verabschiedet hat und statt dessen die Vereinsamung zum unentrinnbaren Alltag der meisten macht. Erst wenn die Spielregeln ohne Mitwirkungsmöglichkeit und ohne Hoffnung auf angemessene Beteiligung diese Menschen einengen, macht sich die immer wieder bestaunte unbeugsame, uneinsichtige und "renitente" Haltung der "Erben der Jäger und Sammler" bemerkbar: Ihrer Möglichkeiten beraubt, fallen sie dann als "Störfaktor" heraus, werden weggeschickt. Hat eine Gesellschaft erst einmal mit der Verhängung von Sanktionen angefangen, bleibt dann oft nur noch die Möglichkeit, diese Menschen immer härter zu bestrafen, was aber keine wirkliche Besserung bringen kann. Eine Tatsache, die verständlich wird, wenn man die besondere Wesensart dieser Menschen berücksichtigt. |
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Eher sollte man dann, im Interesse aller, die Spielregeln ändern... |
Michael und Heidi von den Hypies Berlin
Das Vorwort für das Buch "ADD - eine andere Wahrnehmung" (Autor Thom Hartmann)
Erhältlich bis spätestens Mitte Juni 97