Hypies Kontroverse
siehe auch Barkley ./. Hartmann

Thom Hartmann (3)

"Did they get you to trade your heroes for ghosts?"
Pink Floyd, wish-you-where-here

Café Holunder im Juli 2003 :
"Die empirische Grundlage seiner romantischen These ist, wie gesagt, sehr mickrig bis ganz abhanden. ... Dass der begabte Hartmann den Zeitgeist so hemmungslos und unkritisch bedient, verübeln wir ihm."
*1

 

Es ist einfach Thom Hartmann auf etwas zu reduzieren, nämlich auf sein Gleichnis von den "Jägern in einer Gesellschaft von Farmern" (1992), das ursprünglich als bildhafte Beschreibung ausdrücken sollte, mit welchen Schwierigkeiten und Verletzungen eine Gesellschaft auf andersartige Menschen reagiert, deren Mitgift des Grenzgängertums in einer angepassten Gesellschaft nicht länger benötigt wird.

* * *

 Das Gleichnis wird mutwillig auf den Kopf gestellt...

Barkley hat das öffentlich getan, als er während einer ADHD-Kampagne äußerte:
   "Lassen Sie mich Ihnen etwas sagen: Der letzte, mit dem ich gerne auf eine Jagd gehen würde, ist ein ADHD-Individuum, das seine Medikamente nicht genommen hat."

Auf den Café-Holunder-Seiten (www.ads-kritik.de) des Psychologen H.R. Schmidt geht es ähnlich zur Sache:
   "Und wieso die Defizite der ADSler damals und heute für einen Jäger hilfreich sein sollen, ist vollends unerfindlich, ja geradezu hanebüchen. Dass es für einen Jäger vorteilhaft sein soll, ungeduldig, unkonzentriert, impulsiv und von verzerrter Zeitvorstellung zu sein, wird auch dann nicht einleuchtender, wenn Hartmann diese Defizite positiv umformuliert bzw. beschönigt."
*1

Man möchte ohne weiter Umschweife antworten, dass ein im Reservat seiner eingeborenen Lebensweise beraubter  Indianer in betrunkenem Zustand den besten Hinweis darauf gibt, dass Indianer tatsächlich ausgesondert werden müssen, damit sie mit ihrer unkontrollierten Alkoholsucht den weißen Mann nicht beim Jagen stören.

Man erhält so die Erweiterung der Anklage, eine Verschärfung des Tons gegenüber denen, für die man auf irgendeine Weise doch eher therapeutische Fürsorglichkeit empfinden sollte.

Dennoch registriert man mit Verwunderung, dass z.B. ein Mediziner bei Hitler nach dem "Zappelphilipp- Syndrom" sucht und ein eigentlich gegenteilig gesinnter Psychologe dies begeistert registriert, weil es schädliche Wirkung für andere Mediziner haben möchte, was wiederum der psychologischen Zunft zum Vorteil geraten könnte.

Und irgendwo, verloren, die Betroffenen, gebeutelt und einmal mehr verlassen.

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Empirische Grundlage

In seinem in Kürze erscheinenden Buch hat sich Thom Hartmann einer Revision seiner Theorien unterzogen. Er bezieht sich auf unter anderm auf  Forschungsergebnisse über das bereits bekannte und gut untersuchte Novelty-Seeking-Gen, das über die Hälfte der Grenzgänger in sich tragen soll - das Gen  heißt so, weil Personen mit diesem Gen sich aus der Wiege heraus weitaus expansiver und risikofreudiger benehmen.

So enthält das Buch unter anderem die Aussage eines der weltweit führenden und respektierten Gen-Forscher, dass dieses Gen aus evolutions-biologischer Sicht ohne jeden Zweifel die Charakteristika eines "Vorteils-Gens" sein muss, das seinem Träger Vorteile in der Anpassung auf eine sich ändernde Umwelt gebracht hatte.

Es ist verwunderlich, wenn es wiederum Thom Hartmann überlassen bleibt, in diese Richtung zu schauen und nach Zusammenhängen in den Journalen der Wissenschaftler zu suchen - er bleibt einer der hartnäckigsten Ideenlieferanten für ein anderes Verständnis der Biologie dieser bestimmten Menschen. In seinem neuen Buch hat er dutzende wenig bekannter Forschungsergebnisse benannt, die eine eigene Sprache sprechen.

Dennoch versteht sich Thom Hartmann nicht als Experte, sondern als "jemand der Ideen hat", wie er mich einmal sanft korrierte.

Warum eigentlich haben wir verlernt, den populär-wissenschaftlichen Spekulationen eines Schriftstellers interessiertes Gehör zu schenken und sollen einzig auf die bezahlten Experten der ADHS-Industrie abboniert sein, denen man die Studien oft nur bezahlt, wenn sie auf erwünschte Ergebnisse fixiert sind.

 

Hartmann als Suchender



Gefunden in einem Hartmann-Verriss des Forums von H.R. Schmidt

Die boshaften Bild-Unterschriften "Thom Hartmann empfängt den Pabst"  - "Thom Hartmann empfängt den Dalai Lama" stammen wohl von H.R. Schmidt selbst, aber dieser Humor spricht nur die Sprache des Neiders und Kleindenkers.

Aber warum diese Anfeindung? Darf ein Schriftsteller kein Suchender sein, der seine Reise zu einem Workshop über die "Lage der Welt" mit dem Dalai Lama gar noch schriftlich verarbeitet und kostenlos ins Internet stellt? Hat ein Schriftsteller eine bestimmte Vorstellung zu erfüllen, die anderen untersteht?

Es gibt eine weitere Seite von Thom Hartmann, die von der Suche nach Spiritualität und den letzten Wundern des ursprünglichen Glaubens geprägt ist. Manches davon durchdringt auch seine ADHS-Bücher.

Hartmann glaubt z.B., dass in der Minderheit der heutigen Aussenseiter der modernen Gesellschaft Kräfte verborgen sind, die für wichtige Änderungen sorgen können. Alle Änderung geschieht an den äußeren Rändern des Bestehenden, bevor sie ins Zentrum gelangt, ist eine seiner Kernthesen.

Es kann nicht schaden, diesen Hintergrund zu kennen, wenn man ein Hartmann-Buch liest, um zu verstehen, dass Hartmann auch ein Prophet des Wandels ist, den diese Welt so dringend braucht, wie er immer wieder erkennt.

Man kann zu diesen Ansätzen stehen wie man will, sie müssen gestattet bleiben.

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Der politische Hartmann

Es gibt viele Seiten von Thom Hartmann. Da ist noch die politische Richtung, die er schon immer gehabt hat. Hartmann gehört dem Lager der Demokraten an und dort ist er seit langer Zeit aktiv.

Sein letztes Buch hieß "Unequal Protection - Der Aufstieg der Konzerne zu Dominanz und der Raub von Menschenrechten" und handelt detailreich von der Macht, die fünfhundert der wichtigsten US-Firmen sich gesichert haben, während der normale Amerikaner immer weniger gesichert durch das Leben läuft.

Vor, während und nach dem Irak-Krieg erschienen zahlreiche Aufsätze von Thom Hartmann im Forum commondreams.org, die die Gleichschaltung der Medien und der Gesellschaft zum Thema hatten. Inzwischen arbeitet der Schriftsteller mit allen Kräften daran, Impulse für eine grundlegende Reformation der Demokratischen Partei zu geben, die zur Zeit konturenlos schwächelt.


Abbildung: Hartmann organisiert öffentliche Auftritte und strahlt Radioprogramme aus.

Wer auch immer eines Bücher von Thom Hartmann liest, wird auch aus diesem Komplex das ein oder andere Kapitel lesen. Vor dem skizzierten Hintergrund vielleicht eine nützliche Information für zukünftige Leser.

 

Nachtrag zum Cafe Holunder

Was, abseits aller beißigen Kritik an allen sichtbaren Figuren der ADS-Landschaft hat eigentlich das Forum des Psychologen Schmidt zu bieten? Was denkt so ein Psychologe, was liest er über über "ruhelose Kinder", um es auszuloben und als Erklärung anzubieten...

Ein kleiner Ausflug in die denkwürdige Welt von Phallus, Mutterversagen und unfähigen Vätern:


Es gibt schaukelnde hospitalisierte Kinder, kippelnde Trennungskinder, Kinder ohne Zuspruch. Darüber muss man nicht streiten. Dass sich die Psychologie so sehr vor der Anerkennung von genetischen Dispositionen fürchtet, ist allerdings ein starker Hinweis darauf, dass sie die Überschreitung ihrer veralteten Limitationen noch immer stark befürchtet.

Aufgrund dieser Glaubensverpflichtung hat für manchen Psychologen die besondere Genetik einer Menschheitsgruppe nichts auszusagen, alle Prägung und Formung geschieht einzig durch die Umwelt, denn eigentlich sind alle Menschen der selbe Teig für den Psychologen, gleich aus welchem Teil der Welt oder aus welchem Geschlecht er stammt.

Abschließend noch ein Zitat, dass dieses Dilemma und die Probleme beim Erwachsenwerden dieser Denkrichtung überdeutlich aufzeigt:

"Und deshalb stellt das Verhalten eines ADSlers auch nichts anderes dar als eine verhaltensmäßige Anpassung an seine Umweltanforderungen. Es ist nicht von irgendwelchen Jägern von anno dunnemals vererbt, sondern es ist ganz individuell und kulturell durch seine Umwelt geformt." *1

Und weil nicht sein soll, was nicht sein kann, haut solch ein Psychologe eben dann auch noch auf die wenigen "Helden", die aufgestanden sind, um positive Ansätze und Linderung unter die Betroffen zu bringen. Dass Hartmann selbst ein starker Kritiker des rein medizinischen ADS-Modells ist und seine Arbeit selbst von Umwelt und Prägung durch andere berichtet, ist dann eben auch nebensächlich.

Die schlechte Nachricht ist - natürlich geht es auch um die Sicherung von umfangreichen therapeutischen Landschaften, der solche Schienbeintreterei unterliegt.

* * *

Jedenfalls haben wir gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen ... eine Ehrenrettung vorgetragen und ein bißchen Schleichwerbung gemacht. Für die Anregung zu dieser Idee müssen wir uns abschließend noch bedanken, bei unserem Stichwortgeber aus dem Cafe Holunder, einem gewissen H.R. Schmidt.

Hypies 07/2003

*1 Autor: "Gunter Bertram"