Hypie Hall of Fame

Sir
James Matthew Barrie
1860 - 1937

- und seine  pantastische Welt

Sir James Matthew Barrie galt lebenslänglich als "unreif" und bekam die Diagnose manisch-depressiv. 

Vielleicht erklärt dies ein wenig, warum er so wunderliche Bücher schrieb, die herausragen.

Sein bekanntestes Werk ist Peter Pan,  seit fast 100 Jahren ein großartiger Klassiker, fast zu schade für Kinder.

 


Jonny Depp am Set 
im Sommer 2002

Aber zuvor hier noch der Hinweis, dass gerade jetzt, in diesem Augenblick, in London der Film "Neverland" entsteht, der das Leben Barries und das Entstehen dieses Buches "Peter Pan" wie folgt darstellt: 

Der Autor Barrie (Jonny Depp) wohnte Tür an Tür mit vier vaterlosen Kindern, für die er eine Art Ersatzvater wurde. Er wurde der geistiger Anführer der verlorenen Kinder, dank seiner "Unreife". Dies führte dann auf Umwegen zu dem bekannten Kinderklassiker Peter Pan.

Aus dem Buch Peter Pan:

- Warum Doktoren Pech haben  -

Ich weiß nicht, ob du jemals eine Karte vom Kopf eines Menschen gesehen hast. Manchmal machen Doktoren Karten von deinen anderen Körperteilen und deine eigene Karte kann äußerst interessant sein. Sollten sie allerdings versuchen eine Karte vom Kopf und den Gedanken eines Kindes zu zeichnen, haben sie Pech gehabt. In so einem Kinderkopf ist nämlich nicht nur alles ziemlich durcheinander, die Gedanken verändern sich auch noch ununterbrochen.
Das sieht dann aus wie Zickzacklinien, genau wie auf einer Fieberkurve, und wahrscheinlich sind das die Straßen auf der Insel - denn das Nimmerland ist immer mehr oder weniger eine Insel. Die erstaunlichsten Farben findet man dort vor, du siehst Korallenriffe und wüst aussehende Schiffe auf hoher See, es gibt Wilde und einsame Lagerplätze, Zwerge, die meist Schneider sind, und Höhlen, durch die Flüsse fließen.

Natürlich gibt es dort auch Prinzen mit sechs älteren Brüdern, eine wackelige Hütte im Wald und eine sehr kleine alte Frau mit einer Hakennase. Es könnte eine ganz einfache Karte werden, wenn das schon alles gewesen wäre. Aber da wäre dann noch der erste Schultag, Religion, Väter, Handarbeiten, Mörder, Hinrichtungen, Verben mit dem Dativ, Schokoladenpudding, Zahnspangen, bis neunundneunzig zählen, die Belohnung für den Zahn, den du dir selbst gezogen hast, und so weiter. All das gehört zu der Insel oder zu einer der anderen Karten, die durchscheint, und es ist alles ziemlich verwirrend, besonders weil nichts an seiner Stelle ist.

Über Mütter

Jede gute Mutter stöbert abends, wenn die Kinder schlafen, in ihren Gedanken und bringt wieder alles in Ordnung für den nächsten Morgen. Sie steckt alles, was während des Tages woandershin gewandert ist, zurück an den richtigen Platz. Wenn du wach bleiben könntest (aber das kannst du natürlich nicht), dann könntest du sehen, wie deine Mutter das macht, und bestimmt fändest du es hochinteressant ihr zuzusehen. Ich könnte mir vorstellen, dass du sie auf den Knien siehst, wie sie belustigt manche deiner Gedanken betrachtet und sich fragt, wo um Himmels willen du das wieder aufgeschnappt hast. Du würdest sehen, wie sie nette und weniger nette Entdeckungen macht und manches an ihre Wange drückt, als ob es ein süßes kleines Kätzchen wäre, anderes dagegen rasch wegpackt. Wenn du am Morgen aufwachst, sind die Ungezogenheiten und schlechten Angewohnheiten, mit denen du zu Bett gegangen bist, fein säuberlich zusammengefaltet und ganz unten in deinem Kopf verstaut. Obenauf, bestens belüftet, liegen deine guten Gedanken und warten darauf, dass du sie benutzt.

Über verlorene Kinder

Das sind Kinder, die aus dem Kinderwagen fallen, wenn die Kindermädchen gerade in die andere Richtung schauen. Wenn sie nach sieben Tagen nicht abgeholt worden sind, werden sie nach Nimmerland geschickt, als Finderlohn.

Über eine Fee namens Tinkerbell

Keine Frau, wie groß sie auch immer sein mochte, hätte eine elegantere Wohnung haben können, die Wohn- und Schlafzimmer in einem war. Die Couch - wie sie sie immer nannte - war in echtem Feenköniginstil gehalten, mit geschwungenen Beinen, und Tinker wechselte die Tagesdecken aus Blütenblättern je nach Jahreszeit.
Ihr Spiegel war aus der Schneewittchen-Epoche und davon gibt es - wie die Feenhändler sagen - nur noch drei unbeschädigte. Der Waschtisch war ein echter Kuchenreuther und versenkbar, die Kommode original Prinzessin Rührmichnichtan und Teppich und Bettvorleger aus der besten (der frühen) Periode von Tausendundeiner Nacht. Es gab einen Kronleuchter der Firma Flohwalzer, der nur seines Aussehens wegen da hing, denn Tink erleuchtete ihre Wohnung natürlich selbst. Die Fee tat immer sehr verächtlich in Bezug auf den Rest der Wohnung unter der Erde. Ihr kleines Zimmer jedoch, so schön es auch sein mochte, wirkte recht eingebildet, genau wie eine Nase, die ständig nach oben zeigt.

Kennen Sie den depressiven 
Internatsschüler Käpt'n Hook?


Depression

 

Hook war nicht sein wahrer Name. Die Enthüllung, wer er wirklich war, würde selbst heute noch in England einen Skandal auslösen. 

Wer zwischen den Zeilen liest, muss es längst erraten haben - er ist in einem berühmten Internat zur Schule gegangen und dessen Traditionen saßen immer noch an ihm fest wie Kleidungsstücke. 

Die Kleidungsstücke betraf es auch. So war es ihm zum Beispiel unangenehm ein Schiff in derselben Kleidung zu betreten, in der er es geentert hatte, und er schlenderte eindeutig noch genauso lässig daher, wie es im Internat üblich gewesen war.

Aber vor allem lag ihm nach wie vor etwas an gutem Stil. Guter Stil! Wie tief er auch gesunken sein mochte, er wusste immer noch, dass es allein darauf ankommt.

Aus seinem tiefsten Inneren hörte er ein Knarren, als ob eine rostige Tür geöffnet wird, und dadurch drang ein unerbittliches "Poch, Poch", wie das Pochen, das man nachts verspürt, wenn man nicht schlafen kann. "Hast du heute auch guten Stil bewiesen?", war die ewige Frage.

"Ruhm, Ruhm, dieser verlockende Glanz, er ist mein", rief er aus.

"Gehört es denn zum guten Stil sich selbst zu rühmen?", fragte das Pochen aus seiner Schulzeit.

"Ich bin der Einzige, den Barbecue fürchtete", verteidigte er sich, "sogar Flint fürchtete Barbecue."

"Barbecue, Flint - welche Schule haben sie besucht?", kam es schneidend zurück.

Der Gedanke, der Hook jedoch am meisten quälte, war, ob es nicht schlechter Stil war sich Gedanken über guten Stil zu machen.

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 auch bei Amazon erhältlich

Alle Auszüge stammen aus dem wunderbar absurden und skurrilen Buch "Peter Pan", das 1904 die Welt erblickte. 

 

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Die Sekretärin Lady Cynthia Asquith über ihren Chef 

18. November 1918: Wie die Dinge liegen ist meine Arbeit bei Barrie nicht sehr schwierig. Ich kann so ziemlich alle Briefe, die an ihn gelangen, beantworten, ohne sie ihm vorher zeigen zu müssen. Nur einige sind darunter, die meiner ganzen Überredungskunst bedürfen, um von ihm beachtet zu werden, und unter diesen ist wieder der eine oder andere, der nur von ihm persönlich erledigt werden kann, was nicht ohne Gebrumm und Murren vor sich geht.
Eine andere Schwierigkeit besteht darin, daß Barries  feine, spinnenartige Handschrift so gut wie unleserlich ist. Aber da er selbst einen großen Teil des Morgens damit verbringt, sie mit der Lupe zu entziffern, so mache ich mir darüber keine weiteren Gedanken. 

Er besitzt Notizhefte, in denen er Ideen zu späteren Aufsätzen vermerkt, die aber weder von ihm noch von mir je wieder gelesen werden können. Wenn ich sehr viel Zeit an diese Entschlüsselung verwende, habe ich manchmal Erfolg. So kam ich neulich hinter zwei Worte, mit denen ich mich lange herumgeplagt hatte; sie lauteten: "Meine Sekretärin" - was mich ein wenig beunruhigte.

Eine meiner wichtigsten Aufgaben sehe ich darin, Barrie vor Einladungen zu bewahren, deren Annahme er später bedauern könnte. Er sagt, daß der Gedanke zu einer Verabredung ihn zu keiner wie immer gearteten Arbeit mehr fähig mache. Ich glaube, er führt am liebsten das klösterliche und eifersüchtig behütete Leben eines Schriftstellers, das er bei achtstündiger Arbeit im Tag viele Jahre hindurch geführt hat. Er hat also sicherlich das Bedürfnis nach Alleinsein, aber wenn es ihm dann wirklich beschieden ist, geht es ihm wie so vielen Andern: er fühlt sich einsam. Verpflichtungen auf lange Sicht sind ihm verhaßt.

Als er mir gestand, daß er nie einen Augenarzt aufgesucht, sondern sich einfach irgendwelche alte Augengläser einmal angeeignet hatte, drängte ich darauf, eine Vereinbarung mit dem Arzt für ihn treffen zu dürfen. 

Desgleichen setzte ich ihm zu, einen Chiropraktiker aufzusuchen, der seinem beginnenden Schreibkrampf vielleicht beikommen könnte, aber er brachte dieser Art von Behandlung nur das größte Mißtrauen entgegen. 

Um sich einer Enttäuschung über die mißlungene Behandlung nicht erst auszusetzen, begnügt sich  Barrie damit, fleißig mit den Fingern zu knacksen. Er ist vom Erfolg dieser Selbsttäuschung vollständig überzeugt, und da Barrie in seinem Leben eine Menge Dinge durch seine unglaubliche Ausdauer und Zähigkeit durchgesetzt hat, so hält er auch eine weitere Behandlung seines Leidens für völlig überflüssig.

Keine Feder könnte die Gegensätze beschreiben, von denen Barrie beherrscht ist. Den einen Tag sieht er müde, bloß und matt aus, den andern zeigt er sich von geradezu bestechender Gesundheit; er ist dann lebhaft und aufgeräumt. Seine Ausstrahlung geht mit diesen psychischen Veränderungen Hand in Hand, und es ist klar, daß eine so starke, eine so übermächtig starke Persönlichkeit wie Barrie, sich den andern unerbittlich aufzwingt. 

Wenn seine Stimmung aschgrau ist, geht von ihm eine verheerende Niedergeschlagenheit aus, gegen die man sich vergeblich zur Wehr setzt. 

An seinen guten Tagen dagegen ist er von einer Lebendigkeit und einem Charme - es ist mehr als Charme -ist er wie von einer gütigen Zauberkraft erfüllt, die alles um ihn herum froh und glücklich macht. 

Dazu kann er so komisch sein - zu Zeiten komischer als sonst irgendwer auf der Welt.

Er hat einen chronischen Katarrh, der vom vielen Rauchen kommt. Mein Gefühl, Mister Barrie während eines Hustenanfalls nicht zu bedauern, erwies sich als vollkommen richtig. Als ich nämlich kürzlich eine Anspielung auf seinen Zustand machte - sein letzter Anfall war auch zu schwer, um ihn einfach übersehen zu können - meinte er erklärend - "Ich bin ganz bestürzt, wenn jemand meinen Husten bemerkt. Mir geht's mit ihm wie mit Big Ben, an den ich mich so gewöhnt habe, daß ich ihn nicht mehr höre."

Eine Besucherin, die unlängst zum Lunch kam, war weniger geschickt. "Armer Sir James", jammerte eine Besucherin, die unlängst zum Lunch kam, war die überängstliche Dame und bot ihm rasch einen Hustenbonbon an, "Sie haben sich scheinbar eine furchtbar störende Erkältung zugezogen!"

"Mich stört sie nicht", war die heisere Antwort Mister Barries, worauf wohl die Konversation, aber keineswegs der Husten ein Ende fand.

Hypies 08/2002