Hypies Hall of Fame
![]() |
Wilhelm Busch ist schon lange tot |
![]() |
| "Von Lüethorst trieb mich der Wind
nach München, wo bei der grad herrschenden akademischen Strömung mein
kleines flämisches Schifflein, das wohl auch schlecht gesteuert war, nicht
recht zum Schwimmen kam und gar bald auf dem Trocknen saß.
Umso angenehmer war es im Künstlerverein, wo man sang und trank und sich nebenbei karikierend zu necken pflegte. Auch ich war solchen persönlichen Späßen nicht abgeneigt. Man ist ein Mensch und erfrischt und erbaut sich gern an den kleinen Verdrießlichkeiten und Dummheiten anderer Leute. Selbst über sich selber kann man lachen mitunter, und das ist ein Extrapläsier, denn dann kommt man sich sogar noch klüger und gedockener vor als man selbst. - Die Veröffentlichung der dort verübten Späße, besonders der persönlichen Verhohnhacklungen, ist mir unerwünscht. Was hilft's? Dummheiten, wenn auch vertraulich in die Welt gesetzt, werden früher oder später doch leicht ihren Vater erwischen, mag er's wollen oder nicht." Busch über sich: 1893 Von mir über
mich |
Hier also die Dummheiten, die vertraulich
bleiben sollten,
damit die Vorhersehung eintritt, wie Wilhelm es
befürchtete:
|
München 1881: Die Arbeit an den Bildergeschichten hat ihn erschöpft, mehr und mehr kommt es ihm vor, als sei er damit an eine Grenze gestoßen, als ginge die Sache nicht weiter, alles was noch folgen könnte, wäre nichts als Wiederholung. Unschlüssig durchquert er das Atelier, schreitet aus, als sei er im Schaumburger Wald. Dann mäßigt er den Schritt, schlurft von Wand zu Wand, die Hände auf dem Rücken. Eine Welle bleibt er vor dem Fenster stehen und sieht auf die Straße hinaus. Wie beleidigt dreht er sich um und pendelt wieder durch den Raum. Nordlicht ist das nicht, denkt er. Nordlicht braucht er zum Malen. So wie er's in Wolfenbüttel hat. Und in Lüthorst. Und in Wiedensahl. Nordlicht ist in München überhaupt nicht zu haben. Er muß froh sein, daß er hier überhaupt einen Platz hat zum Malen. Er muß froh sein, daß Freund Gedon ihm diesen Raum hier verschafft hat. Natürlich ist das hier nichts im Vergleich zu Lenbachs Atelier. Aber Lenbach ist als Maler berühmt. Er malt die Größen der Zeit. Alle Nase lang ist er in Friedrichsruh und porträtiert den Fürsten von Bismarck. Mit Lenbach kann er sich doch wohl nicht vergleichen. Schließlich zieht er die Schublade der Kommode auf und greift in die Zigarrenkiste. Er weiß, das Kratzen im Hals wird schlimmer werden, es wird ihm die Brust noch mehr zusammenschnüren. Trotzdem steckt er sich eine Zigarre an, bläst den Rauch von sich und macht sich wieder auf den Weg hin und her durch den Raum. |
|
|
Mit verächtlichem Blick streift er das angefangene Bild auf der Staffelei, und auf dem Rückweg reißt er es herunter, knickt die Malpappe, zerreißt sie mit hastigen Griffen in kleine Stücke und wirft sie in den Holzkübel in der Ecke. Wütend pafft er Rauchwolken gegen die Decke und spürt, wie sich sein körperliches Unwohlsein wie vorausgesehen steigert. Irgendwo muß die Weinbrandflasche sein, die Lorenz Gedon
ihm zur Begrüßung hingestellt hat. Vielleicht hilft ihm der Alkohol über
das Unwohlsein hinweg. Und wenn er nicht hilft, betäubt er vielleicht. Das
kann er jetzt
gebrauchen. |
|
Er findet die Flasche neben der Kiste mit angefangenen Ölfarben. Ein Glas braucht er nicht. Aber einen Korkenzieher. Wo ist der Korkenzieher? Nach langem ungeduldigen Suchen findet er ihn in der Schublade des Tisches. Weinbrand trinkt er sonst nie. Sonst trinkt er nur Bier, in letzter Zeit aber mehr und mehr Rot wein. Im Augenblick hätte er sogar Bedürfnis nach einem norddeutschen Klaren. Aber den haben sie ja nicht hier in München. Die Weinbrandflasche steht auf dem Tisch, Lind bei seinen Wilderungen durch das Zimmer hat er jetzt eine Zwischenstation. Als es gegen Abend an der Tür klopft, hört er es erst nicht. Die Tür, das Atelier, die Stadt, die Welt liegen hinter einem pelzigen Vorhang, durch den kaum etwas dringt. |
|
|
Es klopft noch einmal, jemand ruft ihn beim Vornamen. Er lauscht eine Welle, hört wieder seinen Namen, greift sich die Flasche, versteckt sie in der Kommode. Darin geht er zur Tür und öffnet. Da steht Ernst Hanfstaengl und lacht ihm entgegen. »Na Wilhelm, so in die Arbeit vertieft?« Verständnislos starrt Wilhelm dem Freund ins Gesicht. Der klopft ihm auf die Schulter und bleibt auf der Türschwelle stehen. »Nun, bist du soweit?« |
| Nur schwer setzen sich Wilhelms Gedanken in
Bewegung. Richtig, ja, jetzt erinnert er sich. Sie haben sich verabredet.
Im Kunstgewerbehaus findet ein Vortrag statt. Ein Vortrag mit
Experimenten. Ein Hypnotiseur will zeigen, wie er Leute dazu bringt, Dinge
zu tun, die sie gar nicht tun wollen.
Das Kratzen in der Kehle ist noch da, auch das Ziehen in der Brust, dazu kommt Schädelbrummen, aber alles ist wie gedämpft, mehr noch machen ihm im Augenblick das flaue Gefühl im Bauch und die wackligen Knie zu schaffen. »Ich hab noch nichts im Magen«, brummt Wilhelm. »Es gibt zu essen«, sagt Ernst Hanfstaengl. »Nach dem Vortrag.« Auch das noch. Ich muß mich zusammennehmen, ermahnt sich Wilhelm. Nur keine Blöße geben. »Dann los,« , sagt er. Die frische Luft tut ihm gut, aber sie sind kaum aus dem Haus, da schwankt er ungewollt gegen den Freund, und Ernst Hanfstaengl greift nach seiner Schulter, hält ihn einen Augenblick, und mit einem plötzlich erkennenden, unerträglich verständnisvollen Blick sieht er ihm in die Augen. Wilhelm macht sich los, stampft trotzig weiter, und Ernst Hanfstaengl beeilt sich, ihn einzuholen, läuft neben ihm her und weiß nun, er muß auf den Freund achten an diesem Abend, muß ihn möglicherweise vor sich selbst beschützen. Das kleinste Wort wäre jetzt höchst gefährlich und könnte einen großen Ausbruch hervorrufen. Wenn Wilhelm betrunken ist, ist nichts vor ihm sicher. |
|
|
Es ist eben so, denkt Wilhelm. Fehlt nur noch, daß ich mich meiner Herkunft schäme. Es wird immer so sein. Wie sehr der Mensch sich auch mit dem Mantel der Kultur behängt, darunter bleibt er doch das Tier, das er von Geburt an ist. Sei's drum. Wenigstens ehrlich sollte man sein. |
| Im Saal des Kunstgewerbehauses sind schon
alle versammelt: Maler, Musiker, Schriftsteller, die Münchner Intelligenz,
oder diejenigen, die sich dafür halten. Was für ein Auftrieb. Was für ein
nichtiges Geschwätz. Keiner sieht den anderen wirklich, jeder will nur
gesehen werden, jeder will den anderen übertrumpfen. Pfauenhaft umgackern
sie sich, prahlen mit den neuesten Belanglosigkeiten, suhlen sich in
Klatsch und Tratsch.
Kaum ist Wilhelm vom Gewirr der Stimmen umfangen, kaum ist er ein Teil dieser anderen Welt, sehnt er sich heftig zurück nach der Stille des Pfarrwitwenhauses in Wiedensahl, nach seinen Rosen im Garten, nach den einsamen Wegen ins Feld und in den Wald hinaus. Diesmal hätte er nicht reisen sollen. Lenbach löst sich aus dem Pulk, kommt auf sie zu und begrüßt sie laut lachend. Der kann sich das leisten, seine polternde bajuwarische Art in diese Gesellschaftskreise zu tragen, auch darum beneidet ihn Wilhelm. Diese direkte Verbindung zum Leben, das ist es, was er verpaßt hat. Lenbach stellt ihm seine Schwester vor: Bayrisches Dirndl, Hut mit Federwisch und ein wissendes Lächeln, das sagt: Ich habe dich durchschaut, Trunkenbold. Bassermann und seine Frau kommen hinzu. Sie reden und reden, und Wilhelm hört nicht zu. Aber trotz des Schädelbrummens entgeht es ihm nicht, daß die Freunde untereinander Blicke wechseln, ihn betreffend. Bassermann bedeutet Lenbach- Paß auf du, der Wilhelm hat einen in der Krone. Und Lenbach bedeutet Bassermann: Na, komm, nehmen wir ihn uns unter die Fittiche. Wie ein trotziges Kind entzieht sich Wilhelm der Beaufsichtigung, redet auf Gedon ein, auf Piloty: »Was, du auch? Willst du auch diesem Scharlatan zuhören? Diesem Lügenbold?« |
|
|
Die Zunge ist ihm schwer, irgendwie muß seine
Stimme ganz anders klingen als sie gemeint ist, denn die Freunde lachen
und klopfen ihm auf die Schulter. Sie nehmen ihn nicht ernst.
Wollen in ihm nur einen billigen Spaßmacher sehen. Na wartet. |
| Er geht weiter zu der nächststehenden
Gruppe, fällt einem Mann ins Wort, den er noch nie vorher gesehen hat:
»Sagen Sie bloß, Sie glauben auch an diesen
Hokuspokus?«
Der Mann stutzt, sieht pikiert über sein Monokel und sagt streng: »Mein Herr!« Der, mit dem er geredet hat, lächelt und sieht Wilhelm prüfend an. »Sind Sie nicht Wilhelm Busch?« Wilhelm, schon im Weitergehen, dreht sich um und sagt: »Nein, mein Herr, ich bin mein Bruder! Wußten Sie das nicht? Wilhelm Busch ist schon lange tot. Ich male alles nur unter seinem Namen. Wußten Sie das nicht?« Dem Angesprochenen bleibt der Mund offen stehen, der Monokel-Mann blinzelt erschrocken.Schallendes Gelächter ertönt neben ihm. Franz von Lenbach legt Wilhelm den Arm um die Schulter, zieht ihn von den Umstehenden weg und schiebt ihn zwischen die Stühle, auf denen das Publikum nun nach und nach Platz nimmt. Sie keilen ihn ein, links Lenbach, rechts Bassermann, so wollen sie den Dorfmenschen in Schach halten, wollen verhindern, daß er die erlesene Gesellschaft mit Unflätigkeiten erschreckt. In der Reihe vor ihnen sitzt Friedrich August von Kaulbach mit seiner Minna. jetzt sieht Kaulbach sich um, lächelt ihm zu, und Wilhelm sieht, auch Kaulbach weiß Bescheid. Alle haben sich heute abend gegen ihn verschworen. Neben Kaulbachs steht Lenbachs Schwester. Über die Schulter sieht sie mit diesem unerträglich wissenden Blick zu ihm zurück. jetzt will sie sich setzen. Da zieht ihr Wilhelm den Stuhl weg. Sie fällt ins Leere, kreischt auf und erschrocken drehen sich alle Gesichter zu ihnen um.Entsetzt und ungläubig starren sie ihn an. Franz von Lenbach findet als
erster die Fassung wieder. Er hilft seiner Schwester auf die Beine,
schiebt ihr den Stuhl wieder hin, redet beruhigend auf sie ein und
übergeht alles mit seinem gewinnenden
Lachen. |
|
|
Eine Glocke ertönt; erregt miteinander redend setzen sich die letzten Zuhörer auf ihre Plätze; auf der Bühne erscheint ein blondbärtiger Mann in schwarzem Frack, verbeugt sich, trippelt hinter das Pult, sucht links und rechts mit den Händen Halt, blickt ins Publikum, räuspert sich ausführlich und sagt dann mit sonorer Stimme, daß es ihm eine hohe Ehre sei, vor den sehr geschätzten Damen und Herren die neuesten Erkenntnisse seiner Wissenschaft theoretisch und praktisch zum Vortrag zu bringen. Ja, Wissenschaft, man habe richtig gehört, es käme der Tag, an dem die heute vielleicht noch kühn erscheinende Behauptung allgemein anerkannt würde und die Hypnose Verwendung fände in Medizin und Kriminalistik. Um so mehr sei er sich der ethischen Verantwortung bewußt, die nun mal alle Anwendung von Wissenschaft und Forschung erfordert und so weiter und so fort. |
| Es gelingt dem Hypnotiseur Hansen durch
geläufigen Gebrauch von bedeutenden Wörtern und im Verlauf des Vortrags
immer sicherer werdenden Gesten, das Publikum in den Bann zu ziehen. In
der heutigen nüchternen Zeit der Eisenbahnen und Fabriken verliere der
Mensch doch immer mehr den Blick für die Geheimnisse, die in ihm liegen.
Die Hypnose sei nichts anderes als ein Schlaf, ein bewusst herbeigeführter
Schlaf und ...
»Und Betrug!« ruft eine Stimme aus dem Publikum. »Nichts als Betrug!«Alle Köpfe drehen sich nach ihm um. Wilhelm springt auf. Mit beiden Armen rudert er in der Luft, als wolle er sich freimachen, obwohl niemand ihn hält. »Scharlatan!« brüllt er. »Schwindler! Nichtsnutz!« Mit hochrotem Gesicht steht er da und droht mit der Faust in Richtung Bühne. Gelächter kommt auf, aber auch ärgerliche Stimmen melden sich. »Ruhe!« »Man sollte den Kerl abführen!« »Was? Wie? Busch? Nicht möglich!« »Wilhelm!« raunt Otto Bassermann erschrocken. »Laß ihn doch erst mal sein Kunststück machen«, lacht Lenbach. »Dann sehen wir weiter.« Sie ziehen ihn auf den Stuhl zurück, aber er springt noch einmal auf, schwenkt die Faust und brüllt: »Schwindler!« Dann sinkt er freiwillig auf den Stuhl zurück. Demonstrativ schließt er die Augen, rührt sich nicht weiter und sagt auch nichts mehr.Allmählich legt sich das Gemurmel im Publikum; die Köpfe drehen sich wieder dem verstörten Hypnotiseur auf der Bühne zu. Hansen hat dem menschlichen Vulkanausbruch ungläubig und mit offenem Mund zugesehen, und es bereitet ihm sichtlich Mühe, nun wieder in den suggestiven Ton seines Vortrags zurückzufinden. Aber nach einiger Zeit gelingt es dem Hypnotiseur doch wieder zu seinem Thema zurückzufinden. Nach gut einer halben Stunde, die ohne weitere Störung verläuft, kommt er endlich zum Höhepunkt, auf den alle gewartet haben, zum praktischen Teil. Scheinbar wahllos zeigt er auf einen jungen Mann in der vorderen Reihe und bittet ihn hinauf auf die Bühne.Soweit man im Halbdunkel des Saals sehen kann, hält Wilhelm die Augen noch immer geschlossen. Lenbach und Bassermann glauben, er sei eingeschlafen und halten das für die beste Lösung. Andere bedauern, so um einen zusätzlichen Spaß zu kommen. Um so mehr sind alle Überrascht, als Wilhelm nun plötzlich wieder aufspringt, nach vorn geht und Anstalten macht, den Hypnotiseur zu verprügeln. Nur mit Mühe können seine beiden Leibwächter ihn zurückhalten. »Betrug!« brüllt Wilhelm und versucht sich freizumachen. »Nichts als Betrug! Das kann ich auch!« Lachen, Rufen, Stühlerücken, empörte und belustigte Stimmen steigern sich zu einem enormen Tumult. »Ja, Busch soll es machen!« »Busch nach vorn!« Erst als diese Rufe an sein Ohr dringen, gibt Wilhelm dem Drängen seiner Freunde nach und setzt sich wieder auf seinen Platz. Aber die Erregung im Saal will sich diesmal nicht legen. Viele sind aufgestanden, stecken die Köpfe zusammen, tuscheln und werfen verstohlene Blicke hinüber, dahin, wo sich der halbe Künstlerverein Allotria zusammengefunden hat, um auf den bekannten Humoristen einzureden. Wer hätte das gedacht? »Er soll doch sonst so ein ernsthafter Mensch sein.« »Ernsthaft? Daß ich nicht lache! Sehen Sie sich sein Gekritzel doch an. Verwirrt ist er, sage ich Ihnen!« »Niemals! Recht hat er, der Busch!« »Aber ich bitte Sie!« »Ungehörig! Ich sage nur: ungehörig!« |
|
Busch 1906 |
Der Hypnotiseur Hansen läßt die Schultern hängen und sieht ratlos in das Durcheinander hinunter. Der junge Mann, der gerade auf die Bühne gestiegen ist, kehrt wieder um. Das ist nicht die Atmosphäre für Experimente mit der Suggestion. Der Geräuschpegel schwillt auch kaum ab, als sich Hansen hinter dem Pult aufbaut und das Publikum verärgert dazu auffordert, doch endlich zu schweigen. Busch ist umringt von seinen Freunden, sie schieben ihn zur Tür hinaus und reden beruhigend auf ihn ein. »Komm, Wilhelm, du brauchst was in' Magen.« |
|
»Essen hält Leib und Seele zusammen.« »Laß ihn doch, Wilhelm, den Scharlatan.« Im Keller des Kunstgewerbehauses nehmen sie an der langen Tafel Platz. Die Gemüter beruhigen sich allmählich. Der anwesenden Damen wegen reißen sich die an derbe Scherze gewöhnten Männer zusammen, aber unausgesprochen steht der Vorfall im Raum, und auch wenn jetzt Lenbach das Gespräch auf die neue Bedienung beim Lettenbauer zu bringen versucht, spürt doch jeder, das letzte Wort in Sachen Busch ist noch längst nicht gesagt. Und richtig, nach zehn Minuten kann es Piloty nicht gut sein lassen: »Ich hätt' ja schon gern gesehen, was der uns vorgeführt hätte. In Mailand soll es einer so weit getrieben haben, dass sich eine Frau vor den Augen des Publikums entkleidet hat.« »Ha!« lacht Wilhelm kurz und trocken auf. Sie sehen zu ihm hin und lächeln unsicher. Bassermann zieht die Stirn kraus. »Die Person war aus dem Publikum. Nicht manipuliert«, sagt Piloty. »Wer's glaubt, wird selig«, seufzt Otto Bassermann ganz auf Wilhelms Zustimmung bedacht. Aber Wilhelm beachtet ihn nicht. Seine Augen sind starr auf Piloty gerichtet, als lauere er darauf, ihn bei der nächsten Bewegung, beim nächsten Stichwort anzufallen. »Elektromagnetische Schwingungen«, sagt Lenbach. »Das soll es sein.« »In Wien«, sagt Piloty voller Eifer und ahnungslos, »in Wien hat ein Hypnotiseur es fertig gebracht, einen Mann zum Schweben zu bringen. Stellt euch das vor. Waagrecht zum Schweben.« Wilhelm springt auf. Der Stuhl fällt hinter ihm zu Boden. Mit fahriger Bewegung langt er auf Otto Bassermanns Teller, greift sich ein dickes Stück Käse, wiegt es in der Hand und sieht Piloty herausfordernd an. »Zum Schweben, sagst du?« brüllt Wilhelm. »Zum Schweben? Etwa so?« Piloty nickt erschrocken. »Da!« schreit Wilhelm. »Das kann ich auch!« Er holt aus und schleudert den Käse dicht über Pilotys Scheitel hinweg gegen die Wand. Der saftige Edamer klatscht gegen die Wand, klebt einen Moment an der Blumentapete und fällt dann schmatzend zu Boden. Totenstille herrscht im Raum. Einen Moment lang starren alle auf den Käse, als müsse sich nun der Märchenfrosch in den Prinzen verwandeln. Aber, das Leben ist keine Geschichte. Mit beiden Händen, schwer atmend, stützt sich Wilhelm auf den Tisch, dann stößt er sich ab, schiebt Otto Bassermann beiseite, der ihn halten will, rennt hinter dem Tisch hervor, rennt quer durch den Raum, und als die anderen sich aus ihrer Erstarrung gelöst haben, ist Wilhelm zur Tür hinaus, verschwunden im Dunkel der Nacht. Er rennt durch die Straßen der Stadt, rennt ziellos und ohne zu denken, rennt, bis er das Tier in sich wieder gezähmt hat, bis der Himmel hell wird hinter den Türmen der Frauenkirche, die Wirkung des Alkohols langsam zurückgeht, die Müdigkeit endgültig von ihm Besitz ergreift, eine Müdigkeit aber, die ihn nicht schlafen läßt. Gegen halb sieben steht er in seinem Zimmer, packt seine Sachen, steckt der Wirtin das noch schuldige Geld für die Miete unter der Tür durch, verläßt das Haus und ist gegen sieben Uhr am Bahnhof. |
|
|
Als er im Zug sitzt und endlich zur Ruhe kommt, schüttelt er den Kopf verwundert über sich selbst. Es ist Dienstag, der 12. April 1881, in drei Tagen hat er Geburtstag, dann noch ein Jahr, dann ist er fünfzig. Was fällt ihm nur ein, sich solch kindische Ausbrüche zu erlauben. Ausbrüche sind nur in Geschichten erlaubt. Das Leben ist ein Gefängnis. Der Zug fährt an. Er ist froh, allein zu sein im Abteil. Müde und mit rotgeränderten Augen sieht er die Häuser der Stadt an sich vorüberfliegen. Nie wieder kehrt er nach München zurück.
|
entnommen dem Buch:
"Der Versteckspieler"
von Herbert
Günther
Beltz u.
Gelberg, W.
ISBN: 3407808941
Hinweis: anderes und mehr über Busch unter
http://www.wilhelm-busch-seiten.de/