Hypies Hall of Fame
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Erwin Strittmatter und das "Treibenlassen" Während es draußen noch finstere Nacht ist und Stille uns umgibt und manchen mit der seltenen Gabe des klarsten Gedankens beschenkt, klappern irgendwo in Berlin die Tasten des fernöstlichen Nachbaus eines ergonomischen Keyboards. Heidi liegt in den letzten Stunden vor der Geburt und jeden Augenblick kann es soweit sein, daß wir ins Krankenhaus gehen, um in einem kleinen gekachelten Raum unter Geschrei ein Wesen aus seinem Versteck kommen zu sehen, das eines Tages erst ein Mädchen, dann eine Frau genannt werden wird. Einen Namen werden wir schon finden, zur Zeit ist Wendy der einzige, der allen aus unserem Haufen gut genug erscheint. Schon lange wollten wir hier über Erwin Strittmatter schreiben, grad auch nachdem das Fernsehen (das allgegenwärtige) den Dreiteiler "Der Laden" gefertigt aus der Biographie des am 31. Januar 1994 verstorbenen Schriftstellers Erwin Strittmatter in die Wohnstuben flimmern ließ. Diese Biographie ist das letzte große Werk des eigenwilligen Menschen, der von sich sagte, daß er schon als Kind so "empfindlich uff die Worte" war und seine Suche nach dem Leben, wo er es fand, nie aufgeben konnte und wenn er dafür für Monate in seinem Kellerversteck verschwinden mußte, um fern von allem Getöse in seiner Arbeitsucht als Schriftsteller zu versinken. Daß er dabei in seinen Büchern selbsteigen geblieben ist und in seinen Bücher an jedem Wort werkelte, bis es abgeschmeckt war und paßte und seine ureigenste Sicht verriet, ist der Behauptung seiner Hypienatur zu danken, da mache man sich nichts vor. Er schreibt über das Verlassen des Spremberger Gymnasiums als zorniger junger Mann, nachdem er einen Lehrer geohrfeigt hatte, der ihm sein Mädchen ausspannte: "Ich entzweite mich mit dem Lehrsystem, mit dem ich auf der hochen Schule gehobelt wurde. Wer sollte das verstehen? Die wenigen Leute, die damals ein Augenmerk auf mich und mein Leben hatten, wähnten mich auf dem Weg zu einer Universität, auf dem Weg zum Studium. Dieser Lebensweg von höheren Schülern höherer Schulen war üblich und verfestigt. Ich für meinen Teil brach aus, wegen son Mädel nu, klagten die, die meine Gründe ein wenig näher zu kennen glaubten. Wenn mir recht ist, glaubte ich damals selber, die Ursache meines Ausbruchs in einer verbohrten Liebelei zu sehen. Heute meine ich, daß ich damals meinem Instinkt gehorchte, dem ich, wie in meinem ganzen Leben, verbundener und zugetaner war als jener Lebenshaltung, die Vernunft genannt wird. Und die Vernunft ist mir bis heute anzweifelbar und verdächtig." Der moderne Mensch ist bemüht, wenn er im Alltagsmodus läuft, mit aller Kraft objektivistisch und rationalistisch vorzugehen; er tut, als ob sich das Wirkliche durch das Betrachten mit unbefrachteter Nüchternheit erzwingen ließe, für ihn ist ein Stein ein Gestein und sonst gar nichts. Jemand schrieb mal (Egon Friedell), daß der moderne Mensch die Welt mit Facettenaugen gleich einem Insekt sieht, viele banale Tatsachen, jede für sich im tieferen Sinne bedeutungslos. Strittmatter "will sich das nicht", er gibt in seinen Aufzeichnungen den Wesen, Dingen und Momenten unbeirrbar den Sinn, den sie ihm antragen. So gelingt es ihm, mit den Dingen in eine persönliche Beziehung zu treten. Und weil das so ist, kann man für Augenblicke in die für Hypies vertraute Seele eines Menschen schauen, der es liebt, sich treiben zu lassen, die Dinge mit Sinn zu verweben, die Dinge zu sich reden zu lassen, denn jedes Ding hat eine Geschichte. "Das ist meine Seligkeit, sie wird mir von den Dingen, die mich umgeben, vermittelt, und manchmal gelingts mir, sie schriftlich weiterzugeben, daß auch andere Menchen was von ihr haben, ..." Die kindliche Offenheit, die sich Strittmatter für diese Weltsicht in einem behüteten Kästchen aufbewahrt hat, ist genau die Reizoffenheit, die wir so nüchtern in der Diagnose "ADD" als Störung bezeichnet anfinden, die stört, weil wir wissen, daß man entgegen seiner starken Impulse weder Abschweifen, noch Grübeln, noch Träumen, noch Phantasieren, noch Hinzudichten darf, sondern alle Eindrücke brav auf die zunehmend systematischer vorbezeichneten gedanklichen Plätze legen muß, wenn man die volle Punktzahl erreichen will. Und doch ist dieses Streben nach dem Eins-Sein mit den Dingen etwas kindliches, eine Entwicklungsstufe (magische Phase) die die meisten Menschen mit fünf Jahren und dann noch einmal in der Pubertät durchlaufen. Von Hypies ist bekannt, daß sie die "magische Phase" mitunter erst Mitte der Zwanziger hinter sich lassen, es hängt ihnen nach und bleibt ihnen treu, wenn man sie ungeniert läßt. Gemessen an unserem heutigen Umfeld und unserer Massengesellschaft haben wir hier ein unangepaßtes, archaisches Verhalten (die Befrachtung des Umfeldes und aller Gegenstände mit Persönlichkeit und Identität mittels "Imagination" in alten oder vormodernen Kulturen), einen ständig hintergründig vorhandenen Impuls, diese umarmende Wahrnehmung und das damit verbundene Eins-Sein mit der Welt zu erleben. Strittmatter schreibt über seine Kindheit und genau dieses Verhalten:
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"Ich stand morgens auf und ließ mich vom Tag und seinen Ereignissen bedienen. Da gabs keinen Wecker, der schrill befahl, du mußt jetzt aufstehen, sonst verpaßt du dies oder das. Ich spreche von normalen Tagen, nicht von Tagen, an denen Puppenspieler im Dorf waren und den Grasfleck unter den vier Gastlinden behausten. Nein, an normalen Tagen war nichts, was ich tat, zielgerichtet. Mocht es sein, daß mir auf der Bodentreppe eine junge Katze entgegenkam, dann beschäftigte ich mich mit ihr, solange ich Lust hatte. Niemand achtete auf meine Frühstückspflicht, ich selber am wenigsten. Niemand achtete darauf, daß ich mich wusch. Ein kleines Tagesereignis reichte mich an das andere weiter. Die Regentonnen im Hof rief mich auf, in sie hineinzusehen. Eigentlich waren es die Mückenlarven, die mich riefen. Sie tauchten mit zuckenden Bewegungen in die Tiefe, wenn ich an den Tonnenrand stieß. Ich wartete bis sie wieder auftauchten, machte sie wieder verschwinden, und dann war das Erlebnis zu Ende. Die Erlebnisse der Vorschulkindertage waren kurz, meine Erlebnislust bemaß sie, und die war kurz und lauerte auf Abwechslung. Der Tag war voll von Erlebnissen, sie bedrängten einander, mich zu beglücken. |
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Und solche Tage fangen an, mir jetzt in meinem vielleicht letzten Lebensjahr zu gelingen. Beim Aufstehen fällt mir die Melodie eines alten Volks- oder Kirchenliedes ein. Ich rekapituliere den Text. In meinem Gedächtnis existiert es nur noch mit Löchern. Ich mach mir die Freude, schlag in Gesangs- und Liederbüchern nach, freue mich an der Einfachheit der Volksliedertexte, lächle über die Verquastheit mancher Kirchenlieder. Da liegt ein Buch von Gertrud Stein. Ich las abends vor dem Einschlafen drin. Mir fällt ein, daß Hemmingway in seinem Buch Paris - ein Fest fürs Leben sich über die Stein und ihre Freundin lustig machte. Der Text ist mir nicht gegenwärtig. Ich gönn mir den Spaß und such ihn mir heraus, nein, ich gehe nicht an meine Schreibarbeit, wie ich es sonst die ganzen Jahre tat. Ich tu, was sich mir anbietet, erfüll mir langgehegte Wünsche, laß die Dinge wörtlich auf mich einreden, solange es mir gefällt, denke keinen Augenblick: du mußt an die Arbeit. Eine Klaviermusik von Chopin fällt mir ein, ich laß sie mir vom Plattenspieler heranbringen, hör nicht die ganze Platte, schalte ab, wo die mich interessierende Stelle endet. Tak, tak, tak, die Grasmücke ruft mir durchs Fenster meiner Loggia zu, Chopin sei nur ein Ersatz für sie, sie sei früher dagewesen als der Pole, für dessen Klaviermusik ich mich so interessiere. Ich glaubs der Grasmücke, und mein Hinhören geht zu ihrem Gesang über. Sie ist schon wochenlang da. Nur wer sie vom Ansehen kennt, weiß es. Ihr Gesang muntert mich auf und macht mich gleichzeitig wehmütig. Doch, doch, das gibts. Woher nimmt sich die Wehmut. Sie schwebt aus vielen vergangenen Sommern heran, in denen ich ihren Gesang in Glücksaugenblicken hörte, die dem alten Kerl, der ich nun bin, nie mehr erscheinen werden, mit einem abgenutzen Wort gesagt - unwiederbringlich. Einmal, als ich noch jünger war, glaubte ich, man könne diese Augenblicke nochmals beschwören, wenn es sein muß, mit List. Da wußte ich noch nicht, daß es dem Alternden schwieriger und immer schwieriger wird, und daß es Körperzellen gibt, die dir solche Ausflüge verwehren, daß sie nur noch geistige Gebilde sind, die dich nur halb erfassen. Eine Grasmücke kann zum Beispiel einen Kuß herbeitragen, den ersten Kuß, den ich mir nicht nehmen mußte, der mir gegeben wurde. Noch vor einigen Jahren ging es mir durch und durch, wenn dieser Kuß auf dem Rücken einer Grasmückenstrophe zu mir herandrang. Wenn ihn jetzt die Grasmücke heranjubiliert, ist er für mich wie ein historisches Ereignis, das in einem Buch steht." So schreibt Strittmatter in seinen letzten Tagen und mancher möchte nun denken, daß Strittmatter der glückliche Mensch gewesen ist, dem jeder Augenblick einprägsam geworden ist, ein schriftstellernder Naschkatz am vollen Milchnapf des Treibens. Aber schon widerspricht er und läßt es nicht gelten: "In den gedruckten Wegweisern für Weisheit wird allgemein behauptet, daß nur das Jetzt, der Augenblick, in dem sich Vergangenheit und Zukunft treffen, für den, der weise werden will, eine Bedeutung hat. Ganz klar, daß diese Behauptung für einen wie mich, der nach Weisheit liebäugelte, verlockend war. Manchmal gelang es mir wirklich, einen Tag lang nur im und für das Jetzt zu leben und jede Tätigkeit, die ich tagsüber verrichtete, mit vollem Bewußtsein zu begleiten, und manchmal plauderte ich über diesen erstrebenswerten Zustand, als hätte ich mich dort schon für immer eingemietet, ganz besonders, wenn ich von Journalisten befragt wurde, als ich auf meinen 80. Geburtstag zulahmte, später ärgerte ich mich über diese Plapperei. Sie war genauso eitel und sündig, wie es ist, über eine Gott-Vorstellung zu reden. Heute weiß ich, daß ich mich auf so etwas wie Bekränzung und Bekrönung des Jetzt nur teilweise und in Augenblicken einlassen kann, denn als Schriftsteller ernte ich einen Teil meiner Erzählungen in der Gegend, die Vergangenheit genannt wird, oder von den Blütenbäumen meiner Phantasie, die nicht in der Vergangenheit, nicht im Jetzt und nicht in der Zukunft wachsen, sondern nach vor und nach rückwärts, in die Höhe und in die Tiefe, und daß so etwas wie Hochstapelei im Spiele ist, wenn ich behaupte, ich hätte mich unbeirrbar und konstant auf das Jetzt eingelassen, und daß ich mich hüten muß, Leuten, die meiner Eitelkeit schmeicheln und mich als weise bezeichnen, Ratschläge zu geben, um deren Sensationslust zu befriedigen." Interessant ist auch, was Strittmatter über seine Versuche, seine Gedankenflut zu bändigen, schreibt: "Ich meditiere auf meine Art. Alte und neue Meditiermeister verwerfen diese Art. Sie halten es für wichtig, daß sich ihre Meditationsschüler gedankenleer machen. Alles, was einem einkommt, ohne daß man sich vorher gedankenleer gemacht hat, taugt nichts, ist aus auf Verwertbarkeit, gehört niederen geistigen Bereichen an. Ich habe jahrelang versucht, mich länger als zehn Minuten an einem Stück gedankenleer zu machen, es gelang mir nicht. Es drängten sich immer wieder Gedanken in den gedankenleeren Raum, wenn ich in nur für zwei Minuten leergefegt hatte, sozusagen Gedankenmist." "Ich bin ruhiger, seit mir bewußt ist, daß ich davon ausgeschlossen bin, ein Weiser zu werden. Deshalb versuche ich auch nicht mehr, weise zu werden, sondern versuche, vernünftig zu atmen und mit der Möglichkeit der Erzählersprache zufrieden zu sein und sie zu nutzen." Über sein gespanntes Verhältnis zur eigenen inneren Ruhe schreibt der lebenslang innerlich unruhige Schriftsteller: "Es muß nur Ruhe in mir einziehen. Ich muß sie mir ohne Widerstand geschehen lassen. Sie muß so über mich kommen, mich überfallen wie manchmal der Schlaf am Abend." ... So, nun ist er allen empfohlen, der Strittmatter und schon wird es laut auf der Straße draußen. Während im Dunkeln die ersten zehntausend Fahrzeuge zielstrebig ihre Lenker zu dem was man Arbeit nennt karren, denkt der Hypie daran, sich nunmehr einfach ins Bett zu legen und den Aufruhr an sich vorbei ziehen zu lassen. "No Time to Think" wird das Lied sein, nach dem wir alle in den nächsten Stunden tanzen werden müssen, mancher schlechter, mancher mit Auszeichnung und mancher mit Hilfe eines vor langen Zeiten erworbenen Titels. Hypies können mithalten, das ist nicht die Frage, aber was kostet dieses und mit welchem Kraftaufwand bringen sie ihre oft überdurchschnittlichen Leistungen. Mittendrin im Getümmel sind diejenigen des uralten Stammes Hypie, viele mit sich allein unter Preisgabe ihres eigentlichen Potentials, verlustig ihrer Stammesbrüder und ihres Anspruchs auf ihr Art des Erlebens der Welt, oft verloren im Hadern mit ihren grundlegenden Bedürfnissen, verloren in einer alles beglückenden Welt der Händler jeglichen Gutes, die alle Lebensform aufsaugt und als Ware ausscheidet, ob es nun Jugendlichkeit, weiblicher Reiz oder eben doch nur Margarine ist: "Geschäftsleute trinken meinen Wein, Pflüger bestellen meinen Boden - niemand von diesen weiß, was all dieses wirklich wert ist" und "Wenn ich morgens aufwache, wünschte ich, es würde die Arbeit verregnen lassen, ich hab den Kopf so voll bester Ideen, die mich irr machen, es ist das Letzte, wie die mich hier den Boden schrubben läßt" (Bob Dylan). Aber Dylan ist ein anderes Kapitel im Buche der unseren. Und machen wir es uns nicht zu einfach - es gibt enorm erfolgreiche Hypies an allen Orten, ob Buchhalter oder Firmengründer, von denen nicht wenige der Arbeitskrankheit zum Opfer gefallen sind, um den bunten Karren zu ziehen, statt sich schleifen zu lassen. Sie sollten nicht vergessen, was sie beglückt, sollten sich ein Nottürchen zu ihrem Wesen offenhalten. Nun ist es hell geworden und wir wollen schließen. Gute Nacht wünschen...
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Hypies Berlin 1/99
(Erwin Strittmatter: Vor der Verwandlung - Aufzeichnungen - Aufbau Verlag ISBN 3-351-03002-9)
Anlage:
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"Strittmatters
sorgfältig gefeilter Stil zeichnet sich durch
unmittelbare Anschaulichkeit, originelle bildliche
Vergleiche und schöpferische Sprachkraft, einfachen
Satzbau und echte Volksverbundenheit aus. Bezeichnend
für Strittmatter sind außerordentliche Detailkenntnis
und eine lebenserfahrene und optimistische, vom Sieg des
Sozialismus überzeugte Grundhaltung; ein oft benutztes
Gestaltungsmittel ist die bevorzugte Wahl eines naiven
Erzählstandpunktes (kindliche bzw. jugendliche Helden),
der einerseits dem Leser eine ideologische Vorgabe
einräumt, andererseits die erzieherische Absicht des
Autors unterstreicht und ihm Gelegenheit bietet, seinen
naturwüchsigen Humor, der sich bis zur Satire, zum
Sarkasmus steigern kann, zu entfalten." So schrieb 1964 das Deutsche Schriftstellerlexikon (VEB Bibliographisches Institut Leipzig) über den Bäckersohn, der als Kellner, Tierwärter, Chauffeur und Hilfsarbeiter arbeitete, Amtsvorsteher für sieben Gemeinden war, dann Volkskorrespondent einer Zeitung wurde, dann seinen Weg zum freischaffenden Schriftsteller machte. Er wurde für eine bestimmte Zeit belobigt und gefördert (u.a. von Brecht), bis seine Werke (z.B. Ole Bienkopp, wo der Partei-Sozialismus seinen Glanz eingebüßt hatte) zu "abträglichen Diskussionen" führten und eine "hinterhältige literarische" Zensur einsetzten, als "man mir Schwierigkeiten machte, das Manuskript eines Romans drucken zu lassen, als man das Manuskript dieses Romans von Parteibüro zu Parteibüro schob, bis nach Moskau hin, als man mich erniedrigte und mich seelisch quälte bis in die Träume hinein." |
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