Catchen mit Danny Sugerman

 

Danny Sugerman ist hyperaktiv und hat Schwierigkeiten. Dies vorausgeschickt. Hier ein Ausschnitt aus seinem Buch "Wonderland Avenue", eine Geschichte, die übel ausgeht, wie das bei Hypies so ist, wenn ein schlechter Tag ist.

Wir drehen die Uhr zurück in das Jahr 1965, Ort: Los Angeles, Hollywood

Um zu entfliehen, begann ich stundenlang fernzusehen. Es dauerte nicht lange, bis es auch dafür eine Vorschrift gab. Eine Stunde pro Woche war das neue Limit. Aber gerade hatte ich etwas entdeckt, an dem ich mich nicht satt sehen konnte. Catchen, live aus dem Olympic Auditorium. Immer wenn ich von der Schule nach Hause kam und Clarence (Anm: Clarence ist der Stiefvater von Danny) im Büro war, streckte ich mich vor dem Fernseher aus und ließ mich von der Stimmung, der Spannung und dem Rausch der im Fernsehen übertragenen Kämpfe anstecken.

Zu meinem Erstaunen schien sich, anders als bei meinen zoologischen Studien, niemand groß über mein Interesse am Catchen aufzuregen, und ich stürzte mich mit ungezügeltem Eifer auf mein neues Hobby. Ich vertiefte mich völlig ins Catchen, begann zu sammeln, prägte mir die Griffe ein und machte sie bald nach. Um meine immer heftiger werdende Leidenschaft nach außen hin zu zeigen, stellte ich in meinem Zimmer vor den Fenstern, die zum Hughes-Flugplatz hinausgingen, zwei einsachtzig auf drei Meter große weißgestrichene Pinnwände auf, an die ich meine neuerworbene Sammlung von Postern und Fotos anheftete.

 

Stundenlang übte ich Catchgriffe. Als Sparringspartner diente mir hauptsächlich Cindy, Clarences jüngste Tochter, und es spricht für ihren tadellosen Charakter, daß sie lernte, nicht zu weinen (damit Clarence nicht einen seiner Griffe an mir ausprobierte). Auch jetzt noch sah ich nachmittags Channel Five, den Sportkanal, aber hinterher lief ich nach draußen und übte, was ich gerade gesehen hatte. Mit der Zeit wurde ich recht gut; ich hatte sogar die tödliche Beinschere des Destroyer gemeistert und wußte, wie der Franzose Edward Carponteaux sie konterte. Nach wochenlangem Training meisterte ich schließlich den unbezwingbaren Todesgriff der Mumie. Bald war ich selbstsicher genug, mein Können in einem echten Kampf unter Beweis stellen zu wollen.

Ich bekam meine Chance, als Scott Hopper eines Tages während des Ernährungsunterrichts auf mich zukam und behauptete, Catchen sei Betrug, reiner Schwindel. Schon möglich, räumte ich ein, na und? Aber er ließ nicht locker. "Nein", sagte er, "ich meine alles, das ist von A bis Z fauler Zauber." Ich schlug vor, mit ihm zu kämpfen. Er könne kämpfen, wie er wolle, alle Griffe und Schläge seien erlaubt, und ich würde nur die >Schein<-Griffe des Catchen anwenden. Er war sofort einverstanden. Wir setzten den Beginn des Kampfs auf 15.15 Uhr hinter der lutherischen Kirche fest. Es sprach sich in der Schule herum, und als der Kampf begann, hatte sich eine ziemlich große Menge versammelt.

Ich zog meine Destroyer-Maske aus der Jackentasche, setzte sie auf und trat in den von Kindern gebildeten Kreis. Scott ballte sofort die Hand zur Faust und schlug mich ins Gesicht. Ich steckte den Schlag weg, lief auf ihn zu, sprang hoch und setzte an seinem Hals eine Kopfschere an. Wir gingen beide zu Boden. Als wir auf der Erde weiterrauften, bekam ich ihn in eine Kopfzange und wälzte ihn auf den Rücken. Irgendwie entwischte er mir und begann, mich zu treten. Ich schnappte mir seinen linken Fuß und riß ihn mit dem Gesicht nach vorn zu Boden, dann schob ich meine Beine zwischen seine, zog seine Knöchel verschränkt übereinander, setzte mich mit den Waden darauf und hatte ihn so im Todesgriff. Er kam nicht mehr heraus. Aber er versuchte es dennoch. Um ihn ruhig zu halten, lehnte ich mich zurück. Aber er zappelte weiter, ich verlor das Gleichgewicht, und weil er mit den Füßen immer noch unter meinen Schienbeinen eingeklemmt war, kam, was kommen mußte - einfach so.

Erst hörte ich den Schrei, dann das schauerliche Knacken. Einen Augenblick lang herrschte Stille, als den Gaffern der Mund offenblieb, ehe sie auf dem Absatz kehrtmachten und verdufteten. Alle spritzten fächerförmig auseinander und liefen weg. Auch ich nahm die Beine in die Hand und verdrückte mich.

Als ich am späten Nachmittag nach Hause kam, hatte ich keine Ahnung, ob man in der Schule von dem Kampf Wind bekommen und bei mir zu Hause angerufen hatte. Unsicher lief ich herum und versuchte, irgendeinen vagen Anhaltspunkt dafür zu finden, was nun kommen würde. Ich traf Clarence in der Diele, wo er gemächlich Papier zusammenknüllte und ins Kaminfeuer warf.

"Tag, Clarence", sagte ich. Ich wartete darauf, daß er mich das Laub aufsammeln, den Pool putzen oder sonst irgendwas tun ließ.

"Hallo!" sagte er lächelnd und wirkte fast fröhlich. Irgend etwas war da faul. Plötzlich fiel mir auf, wie merkwürdig es war, daß er an einem nicht sonderlich kühlen Tag Feuer machte. Ich sah mir die bunten Papierfetzen, die er ins Feuer warf, genauer an, und merkte plötzlich entsetzt, daß es eines meiner Catcherposter war.

"Was soll das?" stellte ich ihn zur Rede.

"Was meinst du wohl?" sagte er und jubilierte förmlich. "Du hast in diesem Haus deinen letzten Ringkampf gesehen."

Mein Blick fiel erst auf ihn, dann auf das Feuer, wanderte zu ihm zurück und wieder zum Feuer. Es prasselte, gespeist von den Schätzen meiner Sammlung über das Catchen - wertvolle Programmhefte, Poster, Fanclub-Informationen, signierte Fotos, einfach alles.

"Das kannst du nicht machen? " rief ich. "Die gehören dir nicht! " "Na wenn schon", stieß er lachend hervor.

Ich stürmte aus der Diele in die Küche, wo meine Mutter das Essen kochte.

"Hast du gesehen, was dieser Scheißkerl jetzt wieder macht?" fragte ich schniefend.

Clarence stand direkt hinter mir. "Paß auf, was du sagst, junger Mann, sonst sorge ich dafür, daß du wirklich Grund zum Weinen hast." "Ach, Clarence, sei doch nicht so grob zu ihm. Das hat er nicht verdient." "Er ist ein Verbrecher, ein Schläger, schau ihn dir doch an. Zum Davonlaufen."

Ich sah zu meiner Mutter. "Wie hast du das zulassen können? Was habe ich getan? "

Nun wurde zur Abwechslung mal meine Mutter böse. "Du weißt genau, was du getan hast... Scotty Hopper liegt wegen dir mit zwei gebrochenen Kniescheiben im Krankenhaus! Man sollte doch erwarten können, daß du ein wenig Reue zeigst."

"Aber er hat doch angefangen! Er hat es darauf angelegt..." Sie wollte nichts davon hören.

"Wir sprechen später darüber", tat sie mich ab. "Geh auf dein Zimmer und hoffe, daß seine Familie in einer guten Krankenversicherung ist."

Als ich in mein Zimmer kam, wurden mir schlagartig die Konsequenzen dieses Vorfalls klar. Meine beiden Pinnwände waren völlig kahl. Ich hatte Scott nicht verletzen wollen. Aber alle waren über den Vorfall so bestürzt, daß sogar mein Vater nicht mehr mit mir zum Catchen gehen wollte. Ich hatte absolutes Fernsehverbot. Vielleicht hatten sie recht. Ich kam mir wirklich wie ein gefühlloses Monster vor, weil ich Scott außer Gefecht gesetzt hatte. Aber mir war auch bewußt, daß es nicht allein meine Schuld war. Trotzdem hatte man mir nun erneut etwas weggenommen, das mir wirklich etwas bedeutet hatte. Zurück blieb nur eine schmerzende Leere. Ich schwor mir, daß ich mir nie wieder so etwas wegnehmen lassen würde, ganz gleich, was als nächstes mein Interesse weckte. Es war ein bewußter Entschluß. Ich leistete einen Eid: "Nie wieder!" Jetzt mußte ich nur noch etwas finden. [...]

** ISBN 3-492-11730-9 - Verlag R. Piper GmbH & Co. KG, München ***

 

Mit freundlicher Genehmigung des Maro Verlages