Hypies © Großstadtgeschichten

Kiddy X

 

Es war einmal ein Mädchen, mit Namen Lene (von Helene), dem war so langweilig. Jeden Tag war es allein zuhaus, der Vater und neuerdings auch die Mutter waren Geld verdienen. Der einzige Kindergarten in der Nähe hatte keinen Platz frei und das war gut so, denn es war dort im Hause eine kleinliche Ordnung zu spüren, wo man als Kind froh ist, wenn man zuhause bleiben darf. Aber, man kann ja alles mögliche machen, wenn die Eltern nicht zuhause sind.

Das hat das Mädchen Lene auch gemacht.

Heimlich Kloppfilme im Fernsehen geguckt, Leberwurst in den Teppich geschmiert (nein, das ist keine gute Idee), zwanzig Kaugummi auf einmal gekaut, eine kleine Wasserüberschwemmung am Waschbecken gemacht. Alle Schränke durchsucht und wild herumgenascht.

 

Und dann noch, als Allertollstes: Auf dem Tisch rumgelaufen. War auch nicht so gut wie erwartet, also unwirsch gegen die Wand getreten, aber auch das hat es nicht gebracht.

Dann- Papiertauben aus dem Fenster geworfen. Sofort hat jemand aus dem Fenster unten gemeckert: "Hier ist kein Saustall! Ich hol gleich die Polizei." Also das Fenster wieder zu.

Was also danach? Musik ganz laut gemacht und dazu aus vollem Herzen lauter Blödsinn gesungen.

Dann hat Lene gedacht: "War das jetzt schon der ganze blöde Mist-Spaß, den man haben kann?"

 

 

 Tja, im Fernsehen gab es immer Sendungen mit einer Kinderbande, die Abenteuer erlebten. Das wär' schon was, wobei man seinen Spaß haben könnte:

Polizisten reinlegen und die Verbrecher beobachten, sich in einem Geheimversteck treffen. Nicht nur im Fernsehen!

 

Aber Lene kannte keine Kinder, weil sie erst vor sechs Wochen hier neu eingezogen war, weil die Miete in dieser Gegend nicht so hoch ist, wie überall sonst.

Daß Lene hier keine Kinder kennt, konnte sich ja noch heute ändern. Kurz entschlossen hat Lene ihren Hausschlüssel genommen und auch einen Geldschein aus Mamas Portemonnaie und ist nach unten gegangen und hat sich gefreut, daß sie was erlebt. So fängt ein Abenteuer an, man geht einfach los...

 

 

Aber das Mädchen konnte auch heute keine Kinder finden. Der Spielplatz mit der einsamen Schaukel war leer, auf einem Schild stand gekritzelt:

"Hier ist es langweilig - Die Kinder"

Hier würde niemals ein Abenteuer passieren, keine Chance.

"Manche Leute meinen", dachte Lene betrübt, "daß es geil ist, mit acht immer noch mit Buddeleimern zu spielen und sich von Montag bis Montag, jahrein, jahraus, den Verstand aus dem Schädel zu schaukeln. Was bringt Leute dazu, Kindern überall diese Sandkisten hinzustellen, wo am Ende nur die Katzen und Hunde reinkacken."

Was kein Kind weiß und deshalb hier mal etwas genauer erklärt wird: Tatsächlich gibt es Leute, man nennt diese Menschen Architekten, die sich jeden Tag neue Wohnhäuser ausdenken Je größer die Häuser sind und je mehr Miete man bezahlen muß, desto mehr verdienen sie. Da vergißt man leicht mal die Kinder, die dort wohnen müssen.

Doch es gibt auch ein Gesetz (hier klicken, um es zu lesen), in dem steht, wenn die Wohnungsbauer nicht anstandshalber wenigstens eine läppische Schaukel und eine blöde Wippe in ein Kasten mit Spielsand stellen, schickt der Bürgermeister seine Baupolizei und läßt die Architekten Strafe zahlen. Und wenn seine "Ordnung" nicht respektiert wird, kann der Bürgermeister ganz schön böse werden.

Aber er muß selten böse werden: Überall gibt es ja diese billigen und traurigen Spielplätze, wo vor Eintönigkeit nichts passiert, bis ein Kind ausrastet und vielleicht ein anderes Kind so hemmungslos und ohne Verstand verkloppt, daß alle den Kopf schütteln. Viele Leute stehen dann hinter den Gardinen, schauen zu und gifteln, daß die Kinder sich wie wilde Tiere benehmen.

Aber Tiere haben es besser. Im Zoo erhalten die Tiere gleich zum Frühstück Schlafmittel, damit sie sich nicht vor lauter Langeweile und Ärger über den öden Käfig gegenseitig kaputtmachen. Das kann man natürlich nicht mit Kindern machen, weil vormittags ist ja Schule und da müssen die Kinder wach sitzen, sonst wissen sie hinterher nicht, was ihre Hausaufgaben sind.

Aber weil auf den Spielplätzen immer öfter hart zugehauen und getreten wird, lassen die meisten Eltern ihre Kinder auch lieber daheim im Kinderzimmer stundenlang in den Fernseher gucken und sind sicher, daß ihren Kindern nichts Schlimmeres passiert.

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(nein danke, das ist mir alles schon jetzt zu merkwürdig)

 


 

 

 

Kleiner Unterrichtskurs für Kinder:

Hier ist das Gesetz, daß Bürgermeister Eberhard erlassen hat:

Bauordnungsgesetz § 9

(3) Bei der Errichtung von Gebäuden mit mehr als drei bis zu fünf Wohnungen ist auf dem Baugrundstück eine Spielfläche für Kleinkinder, bei Gebäuden mit mehr als fünf Wohnungen eine Kinderspiel- und Freizeitfläche bereitzustellen und zu unterhalten. Eine Teilfläche der Kinderspiel- und Freizeitfläche ist als Spielfläche für Kleinkinder in unmittelbarer Nähe des Gebäudes anzulegen.

(4) Die Größe der Kinderspielflächen richten sich nach Zahl und Art der Wohnungen auf dem Grundstück. Auf ihre Bereitstellung kann verzichtet werden wenn

  1. in unmittelbarer Nähe eine Gemeinschaftsanlage nach § 11 geschaffen wird oder vorhanden ist oder
  2. die Art und die Lage der Wohnungen dies nicht erfordert.

(5) Bei bestehenden Gebäuden nach Absatz 3 Satz 1 kann die Bereitstellung von Kinderspielflächen verlangt werden, wenn dies die Gesundheit und der Schutz der Kinder erfordert.

So lesen sich unsere Gesetze. Alles scheint geregelt, aber wie nun ein guter Spielplatz auszusehen hat, wurde natürlich nicht geregelt, weil das geht zu weit.

Deswegen, liebe Kinder entstehen überall die einfallslosen Sandkisten mit Schaukel und Wippe. Damit hat der Architekt alles getan, was das Gesetz verlangt und kann getrost sein Honorar zur Bank tragen. Man sollte Architekt werden, wenn man nicht vorhat, Kinder zu haben.

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