Schneefäustchen und die sieben Shaolin


Es war einmal guter König (er hatte den 3. Dan), der regierte ein kleines kämpferisches Königreich. Seine kampfstarke Gattin wünschte sich so sehr ein Kind, doch es wollte nichts geschehen.

Eines Tages, als die Königin mit dem Wurfschwert trainierte, geschah es, daß sie sich beim Einschlagen einer Fensterscheibe die Hand verletzte.

Drei Blutstropfen fielen in den Schnee, die Königin sah es und hatte eine Vision:

"Ach könnte ich doch ein Kind haben", dachte sie bei sich, "mit Lippen so rot wie Blut, Haaren so schwarz gleich denen Bruce Lee's, Fäusten so knallhart wie Schmiedehämmer und einer Kondition wie Batman."

Das Schicksal wollte es, daß der Königin ein Kind geschenkt wurde, aber sie kurze Zeit darauf an Husten erkrankte und verstarb. Das Kind bekam eine Stiefmutter, soviel wir aus dem Internet wissen, die schön war und grausam zugleich. Diese Stiefmutter haßte das Kind, das Schneefäustchen genannt wurde, aus ganzem Herzen.

Bald mußte Schneefäustchen jeden Tag auf dem Hof des Schlosses Dachziegel zerschlagen (mit dem Kopf) und allerlei Rindvieh zerlegen (mit der Handkante). Aber die grausame Königin war's nicht zufrieden. Nein, sie ließ Schneefäustchen dreimal am Tag von dem höchsten Turm im Schloß stoßen (in schwere Ketten gefesselt).

Und jeden Abend schaltete die Königin den Fernseher an, um zu sehen, wen wohl die Action-News mehr beachteten. Jedesmal war sie's dann zufrieden, wenn sie den Sprecher sagen hörte:

"So ein Tier - wie Frau Königin ihr - ist niemand allhier."

Aber eines Abends wurde die Königin aufgeschreckt, denn der Sprecher war übel zugerichtet und lispelte durch die Zahnlücken:

"Abe Sneefäuschen is au danz schön dut drauf."

Da ersann die böse Stiefmutter einen Plan: Sie rief die 40 goldenen Ken-Do-Killer und befahl ihnen Schneefäustchen im Walde aufzulauern. Dort sollten sie das Mädchen dann zugleich angreifen und umbringen. Zum Beweis für ihren Tod sollten sie der Königin das Herz von Schneefäustchen bringen.

Dann ließ die Königin Schneefäustchen zu sich kommen und befahl ihr im Wald Bäume zu fällen (mit den Füßen). Schneefäustchen ahnte nichts Arges und machte sich ohne Waffen auf den Weg. Unterwegs traf sie ein kleines Mädchen, das Blumen pflückte und etwas weiter lag ein toter Wolf im Gebüsch.

Mit einem Mal stürzten die 40 goldenen Ken-Do-Killer aus dem Hinterhalt, sicherheitshalber hatten sie noch die drei tödlichen Fünf mitgebracht, denn Schneefäustchen war ein echter Angstgegner.

Machen wir es kurz: Schon bald war der Waldboden zerpflügt, überall lagen Goldzähne und immer mal wieder ein Ohr oder so. Schneefäustchen aber hatte das blutige Geheimnis aus jedem der 40 goldenen Ken-Do-Killer herausgeprügelt. Die drei tödlichen Fünf konnte man zusammensuchen und daraus neun ängstliche Sechs basteln, wenn man etwas Gen-Technik drauf hatte. Schneefäustchen aber war mißmutig und beschloß, nicht mehr zurück zum Hof zu gehen.

Die 40 goldenen Ken-Do-Killer (eigentlich waren es nur noch 18) nun trauten sich nicht, der Königin die Wahrheit zu gestehen und also sprachen sie wie verabredet zu Königin und König: Ein Unglück ist geschehen, wir sahen, wie Schneefäustchen bei der Arbeit von einem Dutzend unglücklich fallender Bäume erschlagen wurde. Die Königin war's zufrieden, der König ließ zur Trauer alles Volk schwarze Gürtel tragen.

Schneefäustchen aber wanderte bis sie müde war. Sie wollte sich gerade zur Ruhe legen, als ihr Blick auf eine kleine Hütte fiel. Sie klopfte an der Tür, aber da niemand öffnete, mußte Schneefäustchen die Tür auftreten. Drinnen stand ein Tisch, auf's fertigste gedeckt mit sieben ungewaschenen Gedecken und mit etwas Glück fand Schneefäustchen eine kalte Schüssel Kraftnahrung inmitten einer unbeschreiblichen Menge dreckigen Geschirrs.

"Wem mögen diese Aufbaupillen gehören?" wunderte sich Schneefäustchen. Der Hunger übermannte sie und nachdem sie gegessen hatte, suchte Schneefäustchen nach einer Schlafstätte. Sie fand sieben Betten, alle zu klein, so daß erst durch ein paar wuchtige Tritte ein passabler Schlafplatz daraus wurde.

Es war Mitternacht, als die Besitzer der Hütte aus ihrem Trainingscamp zurückkehrten: Es waren die sieben Shaolin, alle etwas kleinwüchsig, alle etwas chaotisch und unorganisiert. Voll wütend ließen sie ihre Übungsgewichte fallen und schreckliche Karateschreie vernehmen:

"Huuuuaaahttsssukiiii - wer hat von meinem Tellerchen gegesessen?" -
"Hoioioikrach - wer hat aus meinem Zecherchen gebechert - oder ähnlich, Mann, eh?" -
"Uhhkieuiuifuttsh - wer hat meine Stuhllehne abgebrochen?"

Dann entdeckten sie das wunderschöne Schneefäustchen, das in ihren sieben Betten lag. Die sieben Shaolin waren wütend wie Pest, aber alle hatten im Tempel der drei glückseligen Meister geschworen, keine kleinen Mädchen zu verdemmeln. Aber irgendwo mußte die Wut ja hin und so hauten sie dem Schwächsten unter sich ein paar Dinger rein, daß es nur so matschte.

Was soll's. Schneefäustchen freundete sich mit den sieben Kleinen an und man verstand sich prächtig. Was die Shaolin nicht organisiert bekamen, machte ihnen Schneefäustchen, tagsüber waren die Sieben im Trainingslager, abends dann Armdrücken mit Schneefäustchen, meist alle gegen alle. So weit - so gut.

Wäre da nicht die böse Königin gewesen. Als diese eines abends die Kampfsportnachrichten einschaltete, hörte sie den Sprecher sagen:

"....aber Schneefäustchen ist übungsmäßig inzwischen wohl die Stärkere. Immerhin hat die Königin 18 Kilo Übergewicht und überzeugt niemanden mehr so richtig. Man lacht..." <KLICK>

Klick. Wutentbrannt schaltete die Königin ab. Sie besorgte sich Schneefäustchens Adresse über die letzte CD der Telekom und stand schon am nächsten Tag als Waffenhändler verkleidet vor der kleinen Hütte. Klopf, klopf.

"Neue Waffentechnologie aus Kleinstadt - Tretminen und Granaten aus dem wunderschönen Schwarzwald", rief sie durch's Schlüsselloch.

Schneefäustchen öffnete und ließ sich zum Kauf von zwei Keulen, die durch eine Kette verbunden waren, überreden. Aber die Keulen waren verwunschen. Kaum hatte das Mädchen diese einmal zur Probe kreisen lassen, bekam sie von den Keulen eins übergebraten. Das ging zu weit! Schneefäustchen übte wie besessen und schon bald reihte sich Beule an Beule. Wären die sieben Shaolin nicht etwas früher als gewöhnlich nach Hause gekommen, wer weiß...

Die Sieben erkannten sofort, daß hier die böse Königin am Werk gewesen war und warnten Schneefäustchen, jemals wieder solch Zeug an der Haustür zu kaufen.

Die Königin erfuhr durch's Fernsehen, daß ihr Plan mißlungen war. Also stand sie am nächsten Tag wieder verkleidet vor der Tür. Diesmal gab sie sich als Mitglied der "Bürgerinitiative Republikaner für Wiederbewaffnung und Ansprüche auf Ostgebiete" aus und überedete das Mädchen, den schwarzen Verbandsgürtel mit der schwarzrotgoldenen Flagge zu tragen. Kaum hatte Schneefäustchen ihn umgelegt, da fiel sie wie tot um.

Nun gut, die Shaolin kamen zurück, blickten wieder gleich voll durch und so weiter. Ihr kennt das, jeder kennt das.

Also steht die Königin am nächsten Tag wieder vor der Tür. Diesmal ist sie ein Zeitschriftenwerber, der ein buntes Heft über die liberale "Fundamentalistische Deutsche Kampf-Jugend" umsonst verteilt. Kaum hat Schneefäustchen darin ein wenig geblättert, fällt sie tot um, denn die Seiten sind mit Gift getränkt.

Diesmal können sich die Sieben nicht erklären, was geschehen sein mag. Da liegt ihre kleine Freundin, neben ihr ein Kung-Fu-Heft, ist doch alles normal, oder? Wer dies zu verantworten hat, wissen sie allerdings instinktiv. Die Shaolin sind nun ernsthaft böse und legen einen blutigen Schwur ab, Schneefäustchen zu rächen. Wie auch immer geplant, zuerst trifft es Schwachmützchen: Als er eine Träne nicht zurückhalten kann, wird er auseinandergenommen, reine Nervensache.

Dann erhält Schneefäustchen und der Sarg, in dem sie liegt einen Ehrenplatz zwischen Trophäen und Pokalen, die im kleinen Kampfsaal im Trainingslager aufgereiht sind. Damit sie nicht einstaubt, wird sie in einen gläsernen Kasten gelegt.

Zeit vergeht. Dann kommt der junge Prinz des Weges, den wir schon ganz richtig erwarteten und der ist auch voll unter Strom, als er das wunderhübsche Mädchen so reglos liegen sieht. Er stürzt an ihre Seite und küßt die kleine Kriegerin, so daß der Zauber der bösen Königin besiegt ist (k.o.) und Schneefäustchen aufspringt. Wieder total topfit, echt cool. Und weil Prinz und Schneefäustchen sich herzlich zugetan sind, heiraten sie im "Tempel der Bankrotten Neunziger Jahre".

Auch die Königin darf nicht fehlen: Da sitzt sie und reibt sich die verweichlichten Hände, als sie die riesige Hochzeitstorte sieht. Als nun alle an der Tafel sitzen, springen plötzlich aus der Torte die sieben Shaolin und dreschen voll zu: "Hey - hey!!" Zusammen mit Schneefäustchen knöpfen sie sich die fette Wachtel vor, bis alles klar ist und die Königin in eine Schublade paßt:

"Bitte nicht teeren und federn!!!",

hört man sie winseln, aber was sein muß, muß sein.

Jetzt legt Schneefäustchen einen Schwur ab, ein friedfertiges Leben zu führen und wenn man ihr aus dem Weg geht und auf seine Worte achtet, hat man gute Chancen, alt im eigenen Bett zu sterben.

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