
Teil 8 der unregelmäßigen
Serie zu Kindheiten in Deutschland
1908: Brutalität
und Gemeinheit
der Großstadtjugend
| Wer glaubt, dass die Klagen über
die Großstadtjugend eine Erfindung unserer Zeit sind, der lese einmal,
was der Führer der Sozialdemokraten, Kautsky, um das Jahr 1900 zu
berichten wusste: |
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"Wer Gelegenheit hat, die Jugend der Großstadt kennen zu lernen, muss, wenn er von ihrer Gesinnung nicht schon angesteckt ist, erschrecken über die Brutalität und die Gemeinheit ihrer Denk- und Sprechweise. Der einzige Gesprächsstoff besteht aus unflätigen Zoten, in der Erzählung von Obszönitäten; man prahlt mit Taten, derer beschuldigt zu werden, einem anständigen Menschen das Blut ins Gesicht treiben würde." |
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Es hat sich nicht viel getan seit dieser Zeit, möchte man meinen, wenn man die beständigen Meldungen über die "neuerliche" Abstumpfung und Gefühllosigkeit heutiger Großstadtjugend verfolgt. Immer sind die Meldungen von alarmierender Aktualität und eine entsprechende Interpretation (Schuld haben abseitige Musik, düstere Kulte, indizierte Spiele, Gewalt im Fernsehen und natürlich ... Versagen der Eltern) wird in der Regel in Form einer Experten-Meinung mitgeliefert. Wie war das nun früher? Schuld an der alarmierenden Entwicklung einer Verwahrlosung der Jugend in der lasterhaften Großstadt, sei die Jugend auf der Straße, die von den Eltern wenig oder gar nicht beaufsichtigt würde, da diese arbeiten müssten: "Genuß und Verdienst sind die Begriffe, die dem Leben in der Großstadtfamilie einen Inhalt geben. Und was nennt man in der Großstadt Familie? Der Mann und die Frau in der Fabrik und auf der Straße, sich selbst überlassen, die Kinder; 'heute geblendet, morgen blind,' sobald schon Opfer der Großstadt." (Dr. Adolf Weber, Die Großstadt und ihre sozialen Probleme, 1908). Der Sozialdemokrat Bebel (Buch: "Die Frau") hatte entsprechend eine utopischen Lösung für das gestörte Familienleben entwickelt, bei der die Kindererziehung nicht mehr von den Eltern ausgeübt werden sollte, sondern von ganztägigen geöffneten Erziehungsanstalten, so daß auch die Frauen ihre Arbeitskraft sinnvoller der gemeinschaftlichen Produktion von Wohlstand überlassen könnten: |
| "Kochen und Waschen ebenso Kindererziehung liegen Anstalten ob, die die Gemeinschaft einrichtet und so hat die Frau Zeit, ihren Wünschen, Neigungen, Anlagen entsprechend, frei und unabhängig, beruflich tätig zu sein, genau wie der Mann." |
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| Dies waren die Anfänge der sozialdemokratischen
Lösungsmuster, die wir heute in Form der Ganztagsschulen und
der Entlastung der Eltern durch Übertragung der tatsächlichen
Erziehung an staatliche Einrichtungen in der Kernzeit kennen. Diese
Lösungen hatte immer etwas mit steigendem Einkommen und verbesserter
Teilnahme am Warenaustausch zu tun. Nicht ganz unrichtig, zweifellos,
denn "erstens,
vergeßt nicht, kommt das Fressen..."
Die ökonomische Unabhängigkeit der Frau war und ist zugleich erstrebenswert, aber die Vorstellung, sie würde dadurch im bürgerlichen Sinne "frei und unabhängig", verstellte nur oberflächlich die Realität, dass eben nur durch diese zusätzliche Erwerbsarbeit der Frau der soziale Standard der Familie in den meisten Fällen auf das Maß gehoben wurde, das eine Verarmung verhindern konnte. |
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Hiergegen wurde schon 1905 eingewendet, daß
durch die zusätzliche Abwesenheit der Mutter die finale Auflösung der
Familie beginnen würde und sich
"die menschliche Gesellschaft in eine Summe genußsüchtiger, egoistischer Vagabunden verwandeln würde, deren Nervenunruhe und Überreizung die Mehrzahl zu Kandidaten von Irrrenhäusern machen würde." Beide Positionen sind natürlich überzeichnete Erwartungen und gingen schon seinerzeit an den Realitäten vorbei, es kam so eindeutig nicht. |
| Jedoch scheint das Ende der Familie als soziale Größe
(die mehr als Verband zur gemeinsamen "Konsumption"
sein soll) für den Großteil der Bevölkerung schon um das Jahr 1900
nicht mehr aufzuhalten gewesen sein. Wer das Geld nicht hatte, der hatte
keine Wahl, er mußte diesen Weg gehen.
Es gab und wird immer geben, die Familien, bei denen zumindest für die Frau eine freie Entscheidung zur Arbeit möglich ist. Aber auch wenn die Frau daheim bleibt, mehren sich die Merkmale der Existenz der Familie als zweckfreie, reine Konsumgemeinschaft, die keinen wichtigen Schwerpunkt als Lebensinhalt findet. 1908 schrieb Dr. Adolf Weber-Bonn in seiner Schrift "Die Großstadt und ihre sozialen Probleme": "Das moderne Wirtschaftsleben hat für eine derartige Familie keinen Platz mehr. Während eine Großfamilie zwanzig oder mehr Mitglieder zählte und zählt, ergibt sich für die moderne Familie durchschnittlich eine Ziffer von vier oder fünf. Der Grund liegt zunächst darin, daß in der komplizierten modernen wirtschaftlichen Verfassung die Familie nicht wie in den primitiven Verhältnissen der Hauptort für die Gütererzeugung sein kann. Einst wurde das, was in der Familie verbraucht wurde, auch in der Familie selbst produziert, aber längst ist das Spinnen und Weben, das Kleidermachen, Schlachten usw. (wenigstens in den großstädtischen Familien) aus der Familientätigkeit ausgeschaltet. Die Familie ist heute in der Hauptsache der Ort wo die Güter verzehrt werden. Der Mann geht seine Beschäftigung nach, die meist weit draußen von der Familie entfernt ist, und er befindet sich dabei während des Tages außerhalb des Gesichtskreises seiner Familienangehörigen. Und nicht nur der Mann muß außerhalb der Familie arbeiten, sogar die Frauen und Kinder werden von dem modernen Erwerbsleben hinausgelockt, oder zu einer nicht selten noch unheilvolleren 'Heimarbeit' gezwungen... So erscheint denn die Familie des großstädtischen Arbeiters vielfach nur noch als ein ziemlich nebensächlicher Bestandteil der großen Fabriken oder der großen Geschäfte." Über die Position der arbeitenden Mütter konnte man um 1900 folgendes lesen (Berlepsch, Gesellschaft für soziale Reform): "Von früh 5 bis abends 10, 17 Stunden also, lebt die arbeitende Frau in anstrengendster Tätigkeit ohne einige Zeit zur Ruhe, mit Ausnahme etwa der beiden Viertelstunden, mit denen die Vor- und Nachmittagsarbeit in der Fabrik zur Einnahme des Frühstücks und Vespers unterbrochen wird, während deren die Sorge um den Haushalt, um Mann und Kind sie nicht erreichen und in Anspruch nehmen kann. Kaum Zeit, um die Kinder einige Minuten auf den Schoß zu nehmen, kaum Zeit, um den warmen Strom der Mutterliebe in die kleinen Kinder fließen zu lassen, sie zu erwärmen, sie zu bewahren vor dem Bösen, noch viel weniger Zeit, mit dem Manne ihre Gedanken des alltäglichen Lebens hinaus, den Fragen zu, deren richtige Beantwortung entscheidend ist für den sittlichen Wert oder Unwert des Menschen!..." Die Erwerbstätigkeit der Frau wurde als eine der Ursachen für die Gefühllosigkeit der Kinder angeboten: "Rousseau hat fein beobachtet, daß die Gefühle der Blutsverwandschaft zwischen Mutter und Kind, wo sie nicht durch Umgang befestigt werden, in den ersten Lebensjahren aus dem kindlichen Empfinden schwinden, und daß das Herz abstirbt, ehe es noch geboren wird, Mutter und Kind verlieren sich. Das ist eine Gefahr, die droht, ehe das Kind erzogen werden kann." Aber auch die fehlende Nähe zum Vater wurde beklagt. Der Pädagoge J. Tews stellte 1907 fest, "dass von 1.514 Kindern in 32 Gemeindeschulklassen selbst abends nur 658 mit dem Vater zusammen speisen" würden. Die Frauen reagierten schon vor 1900 ihrerseits mit einem Verzicht auf die immer größeren Belastungen in der Großstadt und die sich abzeichnende Not, die Familien begannen zu schrumpfen. Bis zum Jahr 1901 nahm die Geburtenzahl für eine
Großstadt wie Berlin drastisch ab (Tabelle: Berlin - Geburten pro
1.000 Ehefrauen im Alter bis zu 50): |
| Jahr | Geburten |
| 1871 | 307 |
| 1881 | 252 |
| 1891 | 220 |
| 1901 | 172 |
Damit schrumpfte die Familiengröße um das Jahr 1900 auf zwei oder drei Kinder (während noch ein Karl Marx um die 1850 gleich sieben Kinder in seiner Familie zählen konnte). Gleichzeitig stieg die Scheidungsquote und die Zahl der Kinder, die der Fürsorge zukamen, schnellte hoch. Bis heute haben die nachfolgenden Jahre die fortschreitende Verbesserung der Bezahlung erwerbstätiger Frauen mit sich gebracht. Die staatliche Erziehung ist im Gegenzug für viele Kinder Wirklichkeit geworden, das war der Handel. Durch die Erfindung von synthetischen Produkten und die zunehmende Mechanisierung der Arbeit wurde eine Art billiger "Wohlstand für alle" Familien geschaffen. Die unmittelbare Not konnte umgelenkt werden, wenn man nur fleißig im Erwerbsleben stand. Weitere Lösungen für die Familien wurden aber nicht gefunden, die Geburten sind weiter abgesunken. Die Eltern finden sich abseits ihrer ausreichenden Kaufkraft im Discount dennoch überraschender Weise "sonstig" überlastet. Es fehlen nun nämlich die vielen Hände und Entlastungen, die vielen Möglichkeiten und prägenden Persönlichkeiten (eines großen Familienhaufens) die eine große Familie mit sich brachte. Wer hat noch die Zeit, für eine Woche bei der verwandten Wöchnerin zu campieren, wie es früher geschah ... so etwas erlauben sich nur noch unsere "Gastarbeiter". Auch die sozialdemokratischen Lösungen waren letztlich materialistische Versprechungen, die aus einer besseren Verdienstmöglichkeit das bessere Leben ableiteten. Wir können heute kaum noch glauben, daß es vernünftig wäre, anders zu argumentieren - was sonst wäre denn eine Lösung gewesen - für uns kollektiv gepresste Habenichtse? Die rein materialistische Sicht ist unser Maßstab geworden, die tatsächliche Belastbarkeit der Familien ist stetig gesunken, dafür füllt ein vorzeigbarer Bestand an schnell produzierbaren (kurzlebigen) Gütern die Heime. Der oft beklagte Materialismus unserer Kinder müsste uns eigentlich aufhorchen lassen, er kommt direkt von uns, ist unsere Denkweise geworden, an die wir mit einer entsprechenden Ausschließlichkeit glauben, auch wenn die unmittelbaren Anlässe überwunden wurden. Die Kosten der Lösung: Der Zweckverband "Familie" hat in der "modernen Gesellschaft" trotz unseres "Wohlstandes" seine Identität und Eigenständigkeit verloren. Wenn man es genau nimmt, dauert diese Entwicklung schon über 150 Jahre an. War die Familie der alten Art überhaupt zu retten? Sind wir überhaupt zu retten, als Familien? Es geht letztlich um uns und unsere Nächsten im einzelnen, nicht um große Fiktionen, wie den Standort "Deutschland" oder den DAX oder einen Shareholder-Value. Sollte irgendwer überhaupt daran denken, die rote Fahne auszukramen und als Programm die Arbeitgeber zu zwingen, auf breiter Ebene Teilzeitarbeit zu akzeptieren, damit wir daheim die Familien reparieren können? Wer will schon auf einen Urlaub, einen dringlichen Wunsch verzichten und seine Zeit auf dem Boden des Kinderzimmers verbringen, solange es einen Kindergarten gibt, der bis abends die Kinder abnimmt? Hat es überhaupt noch Zweck, daheim mehr anwesend zu sein, wenn man nicht weiß, wofür? Brauchen Kinder ihre Eltern wirklich um sich, wäre nicht eine neue Grafikkarte oder die neue Disney-Collection der größere Wunsch auf der Liste? Die Erlebnistiefe des Alltags hat sich auf die verbliebenen Möglichkeiten eingependelt, die ein oder zwei Gehälter bieten, wenn man mal vom Fernsehangebot absieht. Wie soll man den Alltag sinnvoll gestalten? Viele Eltern sind für ihre gestresste Alleinunterhalter geworden, wenn ihr Kind sich langweilt, weil es keine Kontakte hat. Die Kinderzimmer bersten von "teuren" Spielzeugen (mit denen sich das Kind hoffentlich frohgemut beschäftigt, wie auf der Verpackung abgebildet). Und viele Kinder erhoffen sich irgendwann eben nur noch neue Dinge, mit denen sie ihre wenigen Freunde beeindrucken können, damit sie Kontakte halten können. Wie sehr Kinder ihre Eltern als ständiges Angebot brauchen, kann man nicht mehr mit Gewissheit sagen, es scheint eine Frage des Konsums zu sein... Die Forderungen an die Eltern, ihre Kinder "besser" zu erziehen, kommen periodisch immer wieder auf den Tisch. Über gesellschaftlich bedingten Zerfall unserer Familien wird dabei weniger geredet, es wird so getan, als würde ein Machtwort daheim genügen, um die Entwicklung der "modernen Gesellschaft" und ihre Kosten unsichtbar zu machen. Eure Hypies 04/2000
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