Hypies Chats

Interview mit Thom Hartmann (1996)

 

Frage: Sie haben zu vielen verschiedenen Menschen auf der ganzen Welt über ADD gesprochen. Verglichen mit der Situation vor ein paar Jahren: Was interessiert die Leute z. Zt. am meisten an diesem Thema?

Antwort: Ich denke, daß die meisten Leute jetzt ihre ersten Schockreaktionen, wie: "Oh, es gibt etwas namens ADD - und es ist eine Gehirnkrankheit - und meine Kinder haben es (oder ich, oder mein Ehepartner etc.)" hinter sich gelassen haben. Sie bewerten die ganze Sache jetzt neu: "Was zum Teufel ist eigentlich dieses ADD?". Das ist es, was die meisten Leute im Moment zu interessieren scheint.

Nachdem der PET-Scan [Positron Emissions Tomographie – schwach strahlendes Material wird injiziert, Durchblutung und Stoffwechsel werden so sichtbar gemacht] des NIMH (National Institute of Mental Health) zu "beweisen" schien, daß ADD-Gehirne anders sind, wiederholte Dr. Zamenkin die Untersuchung mit ADD-Probanden, die aufgrund von Medikamenten relativ "normal" waren und stellte zu seinem großen Erstaunen fest, daß die PET-Scans sich nicht verändert hatten. Nun ist es an an der Zeit, die Sache noch einmal zu überdenken.

Offensichtlich handelt es sich nicht um etwas simples, rein chemisches und es gibt sicherlich nicht nur eine Ursache dafür. Deswegen fragen sich die Leute: "Was steckt hinter der ADD-Diagnose?", "Was ist das denn nun wirklich?" und "Wie geht´s jetzt weiter?".

F: Warum ist ADD ein so wichtiges Thema?

A: Meiner Meinung nach ist es aus zwei Gründen wichtig. Erstens ist es so, daß viele Menschen bisher ein qualvolles und kompliziertes Leben lebten, ohne zu wissen, warum das so ist und der ADD-Gedanke verschafft Ihnen den Einblick. Das ist ungeheuer befreiend und stärkend, vorausgesetzt, daß es ihnen nicht von jemand vermittelt wird, der sie in der Form in Beschlag nimmt, daß er sie glauben macht, sie seien unvollkommen, zerrissen, gestört und würden für den Rest ihres Lebens seine Hilfe benötigen.

Und zweitens denke ich, daß es wichtig ist, weil es uns dabei hilft, einen Überblick über die Strukturen unserer gesellschaftlichen und pädagogischen Institutionen im ganzen zu bekommen. Wenn ein ADD-Kind in einer Schuleinrichtung scheitert, aber (ohne Medikamente) in einer anderen [Schulrichtung] Erfolg hat, dann fragt sich, bei wem die "Abweichung" zu suchen ist.

Ich glaube, daß viele Menschen, auch Fachleute, jetzt anfangen, unsere Institutionen etwas genauer unter die Lupe zu nehmen und sie zumindest als Teil des Problems zu betrachten - und das ist meiner Meinung nach eine gute Sache. Darum kann der ganze ADD-Gedanke in diesem Zusammenhang ein Werkzeug der die sozialen Revolution sein - und das ist wichtig.

F: Was löste Ihr Interesse an ADD aus, das zu 4 Büchern, einem Forum in CompuServe und einer Newsletter führte?

A: Erstes Interesse an ADD kam bei mir auf, als mein Sohn Justin, damals 13 Jahre alt, diagnostiziert wurde. Der Psychologe sagte ihm, es gäbe eine Abweichung in seinem Gehirn, was, wie ich fand, eine ziemlich scheußliche Bezeichnung für jedes Kind ist, das sie tragen muß. Also begann ich nach einer besseren Metapher zu suchen, was mich zu dem Jäger-Farmer-Paradigma brachte. Es stellte sich heraus, daß dieses Paradigma "gute Wissenschaft" zu sein scheint.

Ich schrieb mein erstes Buch "ADD: Eine andere Art die Welt zu sehen" eigentlich für meinen Sohn. Ich hatte keine Ahnung, daß es dermaßen einschlagen und ein Bestseller werden würde. Das verlangte nach weiteren Büchern, dem Forum und der Newsletter (deren Publikation wir in einigen Monaten einstellen werden).

F: Lassen Sie uns kurz über Ihr erstes Buch reden, das sich fast 100.000 mal verkauft hat. Sie stellen in diesem Buch die Jäger-Farmer-Theorie auf und ermutigen die Leute, das positivere Wort "Jäger" statt des Wortes "abweichend" zu benutzen. Sie stellen folgendes fest: "Bezeichnungen sind mächtige Dinge. Sie entwerfen Paradigmen für uns, durch die wir uns selbst, die Welt und unseren Platz darin sehen. Für Kinder könnte es eher schädlich als nützlich sein eine Bezeichnung zu tragen, die aussagt: 'Du hast ein Defizit, eine Abweichung' ". Wollen Sie die Jäger-Farmer-Theorie weiter ausarbeiten?

A: In diesem ersten Buch (wie auch in den weiteren) habe ich erörtert, daß ADD etwas sein könnte, was einmal ein psychologischer und physiologischer Mechanismus zur Anpassung war, der unseren Jäger-Sammler-Vorfahren einen Vorteil gegenüber der Welt in der sie lebten verschaffte. Einige Beispiele:

Ihre Ablenkbarkeit war eigentlich ein ständiges Überprüfen der Wald- oder Savannen-Welt auf Gefahren oder Gelegenheiten hin. Ihr Sinn für Drohendes war eine die sie vor Räubern oder Kriegern schützte. Ihre Impulsivität schaltete das Problem der Unentschlossenheit aus, das dazu hätte führen können, sich eine Mahlzeit entgehen zu lassen, wenn etwas Eßbares vorüberrannte während Sie eine Aufgabe erledigten. Ihr Suchen nach Sensationen und Risiken war ihrer Jagd förderlich, indem es sie in Gebiete führte, wo Nahrung zu finden sein konnte (zusammen mit den anderen Räubern, die ebenfalls von der Nahrung angezogen wurden).

Das Jäger-Farmer-Modell war eigentlich nur als Paradigma gedacht, als eine ermutigende Geschichte, die Kinder oder Erwachsenen sich auf die Frage hin erzählen können, wer sie sind und woher sie kommen, weil sie das weniger angreift, als ein medizinisches Modell, das sagt: "Du bist geistig abweichend".

Mit den Jahren allerdings, die vergangen sind, seit ich es erdacht habe, haben einige Wissenschaftler Beweise dafür erörtert, daß tatsächlich einiges (vielleicht sogar viel) Wahres an der Idee sein könnte, daß ADD ein rudimentärer Überlebens-Mechanismus ist, der von unseren Ahnen an uns weitergegeben wurde.

F: "Think Fast! The ADD Experience" ist eine Anthologie basierend auf Informationen aus dem CompuServe-ADD-Forum. Was hat Sie dazu bewogen, ein Buch dieser Größenordnung herauszubringen?

A: Es schien eine gute Idee zu sein, da es so eine unglaubliche Breite und Tiefe an Informationen im Forum gab zu denen aber nur einige Millionen Menschen, Mitglieder bei CompuServe, Zugang hatten.

Das in einem Band gesammelte Wissen und die zusammengefassten Erfahrungen so vieler Einzelpersonen und Fachleute gibt einen tiefen, prägnanten Einblick in die Vielgestaltigkeit von ADD.

F: Lassen Sie uns zu einem für Eltern von ADD-Kindern interessanten Thema kommen: "Erziehung". Können Erzieher ADD als irgend etwas anderes als eine Abweichung betrachten, wo doch der Schwerpunkt der Sonderpädagogik zur Zeit eher die Schwächen als die Stärken eines Kindes sind?

A: Das ist ein Problem. Die Schulen, wie sie zur Zeit sind, sind im großen und ganzen für den Lernstil von ADD-Kindern ungeeignet. Und darum - damit ADD-Kinder erfolgreich sein können - muß eine "unnormale" oder "spezielle" Lernatmosphäre geschaffen werden.

Alternative, Charter-, Waldorf und Montessori-Schulen scheinen sehr gut funktionierende Alternativen zu sein aber die sind im allgemeinen teurer, da sie kein Teil des normalen Schulsystems sind. Und in diesem Kontext ist es sicherlich sinnvoll das Etikett "Abweichung" für ADD beizubehalten, um es als Mittel einzusetzen, die Schulen per Gesetz zu verpflichten diese "anders aufmerksamen" Kinder zu unterrichten. Übrigens habe ich viele Lehrer getroffen, die ADD-Kinder nicht als abweichend betrachten und einige, die sehr erfolgreich mit ihnen arbeiten. Seltsamerweise kam es mir immer so vor, als ob die meisten dieser "erfolgreich mit ADD-Kindern arbeitenden" Lehrer selber ADD wären.

F: In den vergangenen Monaten ist ADD von den Medien sehr negativ dargestellt worden, meistens wurde dabei seine Existenz abgestritten - als Erklärung diente hier schlechte Erziehung von Seiten der Eltern. Zusätzlich wurde Ritalin ein Medien-Thema. Im Rückblick lässt uns der Name, den man ADD früher gab, schaudern: "minimale Hirnfunktionsstörung". Was ist, im Hinblick auf das 21. Jahrhundert, die Zukunft des "Aufmerksamkeits-Defizit-Syndroms" als Diagnose und Bezeichnung?

A: Nun, eins ist bezüglich des Lebens in Amerika sicher: Wenn es einen großen Trend und Trittbrettfahrer gibt, wird es auch eine Rückwirkung geben. Denken Sie zum Beispiel nur einmal an die verdrängte Erinnerung an Kindes-Mißbrauch oder das Chronic Fatigue Syndrom. Deswegen überascht es auch nicht weiter, daß auf jede Person, die eine Explosion des Phänomens ADD sieht, eine andere kommt, die wiederspricht: "Nein, unmöglich.". Aber ich denke, daß man es weder auf der einen, noch auf der anderen Seite einfach nur schwarz-weiß sehen darf.

Mit Sicherheit gibt es einige Leute, für die ADD wirkliche Abweichung bedeutet. Man findet Sie unter Brücken und in den Gefängnissen. Für sie ist es sinnvoll, wenn nicht sogar notwendig, diese diagnostische Kategorie beizubehalten und entsprechend zu medikamentieren. Aber ich bin zu dem Schluß gekommen, daß die meisten Kinder, die als ADD bezeichnet und daraufhin medikamentös behandelt werden, keine Geisteskrankheit haben, die im DSM als "abweichend" klassifiziert werden muß.

Ich stimme mit dem Harvard-Psychiater Edward Hallowell darin überein, daß hier "unbeständige Aufmerksamkeit" die bessere Bezeichnung wäre. Natürlich stehen sie Herausforderungen und Schwierigkeiten gegenüber - aber ich denke, es ist fraglich, ob es die bessere Lösung ist, 20% der Kinder einer Schule Medikamente zu verabreichen (wie es in einigen Schulbezirken der Fall ist) oder die Art und Weise wie in der Schule unterrichtet wird zu ändern. Dieses Thema sollte man einmal diskutieren.

So sehr ich mich auch winde, wenn ich Leute wie Rush Limbaugh im Vertrauen sagen höre, daß es so etwas wie ADD nicht gibt, denke ich doch, daß es wichtig ist, das Problem als etwas hinzustellen, das weiter zu diskutieren und zu debattieren ist und es nicht als Tatsache hinzunehmen, die nur mit Ritalin oder etwas anderem Absoluten bekämpft werden kann.

F: Erwachsene ADDer und Kariere: Irgendwelche hifreichen Vorschläge?

A: Sicher! Findet einen Job mit viel Aufregung, Abwechslung, Veränderung und einer Menge externer Struktur. In Jobs dieser Art stößt man auf einen Haufen ADDer: Polizisten, Rettungssanitäter, Unfallärzte und anderes Notaufnahme-Personal, Piloten, Berater, freischaffende Autoren, Reporter und so weiter und so weiter. Der Vertriebsbereich ist ein anderer heißer Tip für ADDer.

F: Gab es eine Person, die Sie in Ihrem Leben sehr beeinflußt hat?

A: Da gab es viele. Von meiner Mutter habe ich viel über Liebe und Mitleid gelernt. Von meinem Vater habe ich gelernt, andere Personen niemals zu verurteilen. Von meinem Lehrer in der zweiten Klasse, Mr. Clark, habe ich die Liebe zum Lesen. Und meine Lehrerin in der achten Klasse, Miss Hemmer, hat mir beigebracht, daß es sogar in der Highschool möglich ist zu lernen und das Lernen zu lieben. In den letzten 20 Jahren hatte Gottfried Müller, der Gründer der weltweiten Salem-Einrichtungen, den größten Einfluß auf mein Leben.

F: Was war am zufriedenstellendsten daran, ADDern zu helfen?

A: Wenn ich eine Rede über ADD halte und nachher Leute zu mir kommen und mir sagen, daß sie jetzt Hoffnung haben, fühle ich mich bestärkt. Darum ging es mir bei meinem ersten Buch, für Justin: Daß, bevor irgendeine Therapie helfen kann - sei es nun Medikation, Psychotherapie, sich neue Fähigkeiten anzueignen oder was auch immer - die Leute Hoffnung haben müssen.

Bei meinen Diskussions-Reisen rund um die Welt habe ich so viele Leute getroffen, denen die Hoffnung von mit neuen Abhängigkeiten arbeitenden "Fachleuten" oder pseudo-therapeutischen "Support-Gruppen" ausgeprügelt wurde, so daß sie schon aufgegeben hatten.

Darum fühle ich, wenn Leute zu mir kommen um mir zu sagen, daß ich ihnen Hoffnung gemacht hätte, meine Anwesenheit auf der Erde gerechtfertigt.

 

Hypies Berlin 98

Übersetzung durch Claudia Civelip