Hypies Medikamente

"Nee, mein Sohn sein hibbliges Verhalten find ich überhaupt nicht nervig. Ich nehme seit seiner Geburt Prozac."
Ein Vater zur Drogenbeauftragen 

 

Die Bundesregierung präsentiert
"Sucht- und Drogenbericht 2000"
- Ausschnitte - 

 

"Es gibt Hinweise, dass Kinder frühzeitig erlernen, Störungen in der Befindlichkeit oder Leistungsprobleme in der Schule mit Hilfe von Medikamenten zu beheben. Hier können schon frühzeitig und oft ungewollt Muster für ein späteres Suchtverhalten gelegt werden.

 Aber es fehlen uns noch genauere Daten. Im geplanten Gesundheitssurvey zur Kindergesundheit, den das Robert-Koch-Institut (RKI) zur Zeit vorbereitet, soll auch die Abgabe von Medikamenten durch Ärzte und Eltern an Kinder thematisiert und erfragt werden."

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"Vielleicht stimmt es, was uns die Entwicklungspsychologen sagen, dass 90 % der Jugendlichen mit der Verantwortungsübernahme als Erwachsene ihr Probierkonsumverhalten aufgeben. Aber wir müssen uns für die 10 % interessieren - und das sind schließlich Hunderttausende -, die das nicht schaffen. Hier haben wir es mit sozial nicht integrierten Jugendlichen zu tun, die in ihrer Kindheit schon sehr früh schmerzhafte Verletzungen erfahren haben."

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Dort, wo funktionierende familiäre Unterstützungssysteme vorhanden sind, ist es leichter, mit suchtpräventiven Botschaften auf fruchtbaren Boden zu treffen. Schwieriger wird es wohl mit einer - von den Wissenschaftlern unterschiedlich groß bemessenen - Anzahl von Jugendlichen, bei denen der Suchtstoffkonsum eher auf Anpassungsstörungen in Form von Aggressivität, Hyperaktivität und geringer Frustrationstoleranz hinweist.

[...]

Über riskanten Umgang mit Medikamenten wissen wir noch immer zu wenig, insbesondere in der Gruppe von Kindern und Jugendlichen. 17 % der Frauen und 12 % der Männer geben an, im letzten Monat Medikamente mit psychoaktiver Wirkung eingenommen zu haben. 

In einer Untersuchung bei Bremer Schülerinnen und Schülern haben über 60 % der befragten 14jährigen angegeben, dass sie Medikamente nehmen. Auch bei Kindern und Jugendlichen scheint sich in zunehmendem Maße ein lockerer Umgang mit Schmerzmitteln zu etablieren. 

Bei Berliner Schülern wurde registriert, dass jeder fünfte Zehntklässler (8 % der Jungen und 32 % der Mädchen) regelmäßig Medikamente einnimmt, in besonders hohem Maße Analgetika, vor allem Kopfschmerztabletten. 

Auch die Verschreibung von Medikamenten an Kinder mit "hyperkinetischen Auffälligkeiten" (sog. Zappelkinder) ist in den letzten Jahren - von einem niedrigen Niveau - deutlich angestiegen (von etwa 2.500 behandelten Kindern im Jahr 1990 auf über 40.000 in 1999)*

Hier ist umstritten, ob eine sorgfältige therapeutische Begründung wirklich in allen Fällen vorliegt. Es ist davon auszugehen, dass in vielen Familien das "Pillen"-Schlucken zur Befindlichkeitsbeeinflussung gängige Alltagspraxis ist und notwendig, dass wir in dieses Dunkelfeld ein wenig mehr Licht bekommen.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung

 

* Dabei bezieht sich die Drogenbeauftragte u.a. auf diese Fundstelle: Schubert, I. et. al. (2001): Methylphenidat bei hyperkinetischen Störungen. Verordnungen in den 90er Jahren; Tatsächlich steht dort im  Deutschen Ärzteblatt;  Heft 9 vomj 2. März 200: 

"... Die Daten belegen, dass Methylphenidat seit Anfang der 90er-Jahre häufiger  verschrieben wird. Dies sagt allerdings noch nichts über den indikationsgerechten Einsatz oder einen Fehlgebrauch aus. ..."  http://www.aerzeblatt.de

 

Kommentar:

(alle blauen Texte sind Zitate aus dem Drogenbericht)

Wer würde nach diesen kleinen Kostproben seinen Kopf verwetten, dass ausgerechnet diese Drogenbeauftragte übermäßig viel von Drogen versteht? 

Umfragen sollen tatsächlich ergeben haben, dass Jugendliche immer häufiger Kopfschmerzmittel, Baldrian, Coffeintabletten und Cava nehmen, besonders vor Arbeiten oder schwierigen Unterrichtseinheiten. Immer weniger Schüler sind geneigt, ihre Noten dem Zufall und der Tagesverfassung zu überlassen. 

Die Leistungserwartung der Eltern und aber auch der Lehrer hat sich zunehmend verschärft, niemand glaubt mehr so recht an ein gutes, ehrliches Leben in einfachen Berufen. 

Dennoch lesen wir über die Institution Schule als wichtigstem Stressor und Auslöser von Selbstmanipulation so gut wie nichts im Sucht- und Drogenbericht. 

Die Schule ist der Ort, wo besorgte Pädagogen wahrnehmen, dass die Elternhäuser versagen, wobei günstigerweise der schädigende Einfluß auf  frühkindliche Traumata verlegt wird, also in eine Zeit fällt, in der das Kind noch nicht auf die Schule ging.

"De mortuis nil nisei bene" - "Über die Schule rede nur Gutes", so übersetzen wir diesen Spruch aus dem alten Rom absichtsvoll und halten ab sofort über diesen Ort der Qualen den Mund. 

Herrlich, da sind sie wieder, die derzeit gängigen vulgär-psychologischen Erklärungsmuster über die  "sozial nicht integrierten" Jugendlichen mit der Drogenneigung.  

"Jugendliche und Dissozialität" - kennt jemand diesen Vortrag noch nicht?

"Bereits früh in der Kindheit wird unbewußt durch die Eltern und die ungünstigen Lebensumstände der Grundstein für dissoziales und auffälliges Sozialverhalten gelegt. Mit dem Begriff Dissozial werden Menschen bezeichnet, die in der Regel bereits in der Kindheit verhaltensauffällig waren und zu einem großen Teil auch Verwahrlosungssymptome aufwiesen. Häufig wachsen sie in in desintegrierenten Familien auf oder verbringen ihre Kindheit überwiegend in Pflegefamilien bzw. Heimen Zum Thema Dissozialität gibt es verschiedene gesellschaftswissenschaftliche Theorien. Eine davon lautet, daß die bei Angehörigen sog. unterer Schichten verwendeten Sozialisationspraktiken eine Schwächung der Charakterstruktur zur Folge haben." -so lesen wir in einer Diplomarbeit über "Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) - eine Grenze der Sozialarbeit?".

Die fremdem, unteren Schichten, dort läßt sich leicht Arges vermuten, die Dritte Welt im eigenen Land. 

Drogen und Drogenkonsum befinden sich angeblich außerhalb der Gesellschaft, deshalb vermutet der Drogenbericht die Konsumenten auch außerhalb der Gesellschaft und nicht etwa mitten unter uns und auf allen Ebenen der Gesellschaft - ausgestattet mit unterschiedlichsten Suchtmitteln oder Suchtersatzstoffen, jeder nach seiner Kaufkraft und seinem speziellen Zugang.

Um außerhalb der Gesellschaft zu stehen, muß etwas die Jugendlichen aus der Gesellschaft geworfen haben, was aber könnte dies gewesen sein? 

Der Drogenbericht erkennt im Zeitgeist unserer Tage daher ohne Abstriche stets (!) auf Jugendliche, "die in ihrer Kindheit schon sehr früh schmerzhafte Verletzungen erfahren haben" - das ist die derzeitige Chiffre für frühkindlichen Mißbrauch, erfahrene körperliche Gewalt, seelische Not, Kindheiten in denen "funktionierende familiäre Unterstützungssysteme" fehlen. 

Wer kennt sie nicht, die daraus folgenden "Anpassungsstörungen in Form von Aggressivität, Hyperaktivität und geringer Frustrationstoleranz".

Klingt für uns irgendwie verkehrt herum gesagt, aber wir sind ja auch nicht Drogenbeauftragte. 

Unruhige Säuglinge, später auch rastlose Kleinkinder und  unkonzentrierte Erwachsene, haben also "Anpassungstörungen" in Form der Symptome von ADS.

Gut zu wissen, sollte man sich notieren, vielleicht kann man es ja mal gebrauchen, falls man einen Sozialarbeiter oder Schulpsychologen trifft.

"Die Ausprägung und Entwicklung individueller Kompetenzen wird dabei auch als abhängig von entwicklungsfördernden Umweltbedingungen (z.B. verlässliche, soziale Beziehungen, gesicherte ökonomische Bedingungen, altersadäquate Freiräume und Erfahrungsfelder, Aufmerksamkeit und Zuwendung, positive Vorbilder) verstanden, die wesentlich zum Gelingen eines suchtfreien Lebensstils beitragen."

Fehlt es an dieser perfekten Welt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir Drogenkonsumenten erhalten ... so einfach ist das. 

Glück ist demnach eine Vollversorgung mit allen Ressourcen, die überhaupt als Zutat für ein erfülltes und gepampertes Leben denkbar sind. 

Leider verteilen die vorhandenen akademischen Schichten diese Ressourcen in ihrem Sinne sehr stark in Richtung der eigenen, besser ausgebildeten Schicht, so daß unten die Dissozialität immer mehr Raum greifen muss, möchte man ketzerisch sagen.

 Ist dies nicht der Hintergrund des Bildungswettlaufs, vor dem man die Kopfschmerzmittel im Unterricht sehen sollte? 

Diese Sichtweise könnte uns sogar das Anwachsen des rechten Milieus (i.d.R. der schlechter Gebildeten) erklären, das Jugendliche auffängt, die keine Chance haben, einen Platz in der Wertschätzung des selbverliebten, alles Gespräch beherrschenden kollektiven akademischen Über-Ichs zu finden, das sich überall einmischt, ohne doch zu verstehen, was es selbst verursacht. Hat irgendjemand schon die Statistik hierzu?

Fazit: Wahrscheinlich lohnt es sich nicht, überhaupt Sucht- und Drogenberichte zu lesen. Oder hierzu noch weitere Zeilen zu schreiben. 

Alles vergebene Liebemüh. 

Eure Hypies

PS: Es gibt zu der Behauptung, dass Medikamente im Schulalter zu späteren  Drogenverstrickungen führen, Untersuchungen, die das exakte Gegenteil belegen. Bei uns zu finden im Vortrag von Dr. Huss.

 Auch hier hat die Drogenbeauftragte also bestenfalls "geraten". Es ist ein Höllenjob...

 

Hypies 05/2001