Die Konsequenz
unserer Beiträge ist folgende:
Ritalin ist ein Psychopharmakon, ein Stimulanz, aber
eben eins, das hier auf einer Ebene mit Coffein gestellt
gesehen werden kann. Auch Coffein ist ja nicht ganz ohne.
Ritalin ist verschreibungspflichtig und wird
mengenmäßig genau abgestimmt abgegeben, d.h. der Vorrat
wird immer recht klein sein.
Ritalin führt zu einer vermehrt rationalen und weniger
impulsiv-intuitiven Sicht bei der Person, die es
verschrieben bekommt. Eine bestimmte Sorte Überforderung
(der Wunsch nach Universalität) verschwindet, eine
Focussierung auf einzelne Teilaufgaben erfolgt besser,
weil eine stärkere Kontrolle durch die Ratio erfolgt.
Es gibt bei den meisten Menschen mit nachlassender
Wirkung von Ritalin einen "Rebound", der mit der Rückkehr in die alten Strukturen
zusammenhängt. Dieser Rebound ist personenabhängig und
davon, was man unter Ritalin erlebt hat. Der Rebound hat
auch einen neuro-chemischen Hintergrund, aber diese Ebene
ist uns Menschen meist nicht recht zugänglich, schon gar
nicht den jüngeren. Sie erleben etwas, was man ihnen
erklären können muß.
Ritalin-Erfahrungen können von den Betroffenen für
spätere ritalinfreie Zeiten nutzbar gemacht werden. Die
Erfahrung des Gefühls großer Konzentration (auch in
wenig stimulierenden Situtationen) kann durch Übungen
wiederholt, erweitert und geschult werden. Hierbei kann
Ritalin-Erfahrung als spätere Ziel-Vorgabe eingesetzt
werden, die man durch bestimmte Übungen erreichen kann.
Ritalin sollte auf die Person eingestellt werden, meist
wird mit 2 x 5 mg begonnen, dann gibt es meist eine
weitere Steigerung, wenn die Wirkung nach einigen Wochen
nachläßt. Die Wirkung ist durch genaue Beobachtung zu
überwachen, der Ritalin-Spiegel sollte überprüft
werden, sagt aber nicht viel über die Wirkung aus, eher
etwas über die Verfügbarkeit im Körper.
Ritalin ist ein Hilfsmittel für den ADDer in
bestimmten Situationen. Ritalin bietet keine Therapie,
sondern eine vielleicht notwendige Therapie muß ggf.
zusätzlich erfolgen.
Ritalin ist nicht vergleichbar mit Insulin (für den
Diabetiker). Es gibt keine Ritalin-Mangel-Erscheinung,
die zum Koma oder gar Tode führt. Ein unkonzentrierter
ADDer ist vorrangig kein medizinisches Problem, sondern
ein gesellschaftliches.
Ritalin sollte nicht gegeben werden, um den Eltern zu
helfen, sondern ausschließlich, um den Kindern /
sonstigen Personen zu helfen, die es brauchen.
Wir meinen, daß man Ritalin nur geben sollte, wenn es eingebettet ist in
viele Gespräche und Erklärungen. Eltern, die Ritalin
geben, müssen auch die Folgen mitbetreuen, die Rebounds
auffangen und die Widersprüche erklären können, die
unterschiedlich auftauchenden Erlebnisse einer Person mit
und ohne Ritalin mit sich bringt. Dies scheint noch immer
der schwierigste Teil des ganzen: Erklären, warum man
sich mit Ritalin verändert. Leider gibt es hierzu kaum
unterstützende Bücher *für Kinder*, aber das kann sich
ändern.
Eltern, die so handeln
können, haben auch ohne Ritalin eine Basis, auf
häuslicher Ebene mit ihren Kindern grundsätzlich klar
zu kommen, weil sie ihrem Kind nah sind und bleiben.
Es ist leider immer wieder der Fall, daß Eltern zwar Ritalin
geben würden, aber selten in der Lage oder willig sind,
ihr Leben umzubauen, wie es für ihr Kind erforderlich
wäre. Da hilft dann oft nur noch wegschauen und das
Beste wünschen.
Ritalin kann grad dann zusätzlich eine große Hilfe
sein, wenn dadurch eine schulische Rettung möglich
ist. Aber das sind eigentlich nicht die Probleme des
Kindes, sondern die ersten Ausläufer einer Gesellschaft,
die sich nicht der Person des Einzelnen widmet, sondern
auf die reibungslose Erfüllung ihrer Forderungen
ausgerichtet ist.
Die Schule sollte nicht insgeheim Ritalin-Medikation
befördern, sondern vielmehr Umgebungen schaffen, in
denen Lernen auch ohne
dieses Hilfsmittel aufregend und anregend sein kann. Schule muß dem Anspruch einer
umfassenden Pädagogik folgen und der Verpflichtung zur
Bildung der Person gerecht werden. Bildung ist mehr als
just Wiederholungslernen.
Wer meint, daß ADDer
sich nicht ohne Medikamente
konzentrieren können, hat
seine Hausaufgaben nicht gemacht. Es gilt, Situationen zu
schaffen, in denen sich ADDer sich gerne in Konzentration
vertiefen.
Dazu muß man die ADDer
genauer kennenlernen. Eltern, Lehrer, und Padägogen sind
aufgefordert, sich fortzubilden. Eine mögliche Forderung
wäre, spezielles Aufmerksamkeitstraining für ADDer im Rahmen des Unterrichtes direkt in
der Schule stattfinden zu lassen. Der Unterricht hat sich
an den Möglichkeiten der einzelnen Schüler zu
orientieren, nicht umgekehrt.
In Amerika ist die für die Lehrer Pflicht, bei
Anwesenheit von ADDern, ihren Unterricht zu verändern. Was kann die hiesige Schule eigentlich für
den Schüler tun, außer kategorisch mehr Aufmerksamkeit
(notfalls mit Hilfsmittel Ritalin) einzufordern?
Man die Frage nach Ritalin nur immer unter der Beachtung
der häuslichen und gesellschaftlichen Anforderung
stellen.
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