Hypies über Ritalin

Alltag und Mißbrauch von

(Ausschnitt eines Schriftwechsels)

Zitate im Schriftwechsel mit >> kenntlich gemacht

Helfried Adami schrieb

Liebe Heidi!

Für die indikationsgerecht damit Behandelten ist die Gefahr der Abhängigkeit sogar extrem gering, aber ich denke da mehr an Material aus Hinterhof-Labors, das in den illegalen Markt geht, nicht echtes Ritalin.

Das BTM-Gesetz hat da natürlich auch seine guten Seiten. Die Ärzte, die sich gegen das Verschreiben von BTM sperren, zeigen meist nur Ihre allgemeine Unsicherheit im Verschreiben von Medikamenten.

Die exakte Überwachung des BTM-Verkehrs ist sicherlich kein Hinderungsgrund für die Verschreibung. - Heutzutage erst recht nicht, wo jedes Kassenrezept elektronisch erfaßt wird.

Zum Auslandsjournal-Bericht noch eine Anmerkung, die mich ganz unabhängig vom Ritalin stutzen ließ: Die amerikanischen (gewinnorientierten) Krankenkassen üben angeblich Druck auf die Ärzte aus, Arzneimittel anstelle einer teuren Psychotherapie zu verschreiben. (Was mich erschreckt!)

Andererseits wird hier in Deutschland über die Arzneimittelkosten von den Krankenkassen geschrien, daß zuviel verordnet würde usw. Dabei geht es den Krankenkassen-Bonzen hier in Deuschland sicher nicht um eine ethische Einstellung, es ist teils Dummheit teils Ablenkungsmanöver von den überhöhten Verwaltungsausgaben.

So nun zu Ritalin speziell. Die Informationen stammen aus der ABDA-Datenbank, soweit ich aber eigene Erfahrungen und Beobachtungen habe, kann ich die Angaben nur bestätigen.

Methylphenidat wirkt zentralstimulierend. Anstieg von Konzentrationsfähigkeit, Leistungs- und Entscheidungsbereitschaft, psychophysischer Aktivität; Unterdrückung von Müdigkeit. Der Appetit *kann* vermindert sein. Bei Überdosierung droht Anstieg der Körpertemperatur, durch die Verkennung der Leistungsgrenzen kann ein Zusammenbruch bis zum Tod führen - (Doping in Reinkultur!).

"Die Substanz wird bei hyperkinetischen Kindern mit relativ gutem Erfolg eingesetzt. Die Gabe von zentralen Stimulantien ist bei Langzeitgabe nicht ohne Risiko für die psychische Entwicklung der Kinder. Daher sollte Methylphenidat nur in Verbindung mit streng geführter Psychotherapie verordnet werden."

Das bei psychotischen oder schon vorher drogenabhängigen Patienten äußerste Vorsicht geboten ist, wird mehrfach betont. Auch bei Krampfanfällen in der Vorgeschichte kann eine Verschlimmerung eintreten.

"Methylphenidat sollte nicht für die Prävention oder Behandlung normaler Ermüdungszustände verwendet werden" - das *sollte* wohl klar sein!

Bei Langzeitbehandlung wird die Überwachung des Blutbilds empfohlen, da nicht alle Wirkungen bekannt sind.
Beim Absetzen soll auf die mögliche Demaskierung einer Depression (!) und chronische Hyperaktivität geachtet werden.

Bei Mißbrauch besteht starkes psychisches Abhängigkeitspotetial. Aber nicht bei bestimmungsgemäßen Gebrauch, auch nicht bei Jugendlichen und Erwachsenen, die als Kinder damit behandelt wurden. (also keine "Spätfolgen", eher wenig Interesse an späteren "Experimenten mit der Psyche" durch Drogen)

Etwas allgemein wird gewarnt Ritalin ohne genaue Erkundung der Krankheit und deren Verlauf zu verschreiben. Kurz gesagt: Es ist kein Allheilmittel, sondern es gilt die Behandlungsalternativen abzuwägen. (Empfinde ich als Selbstverständlichkeit bei allen Arzneimitteln)

Für akute Stressreaktionen ist Ritalin nicht empfehlenswert.

Dosierung: muß individuell angepaßt werden (da muß der Apotheker ggf. nachhelfen und aus den Ritalin Tabletten speziell dosierte Kapseln machen, so wie ich das auch kennengelernt habe)

Das Einnahmeschema muß strikt eingehalten (und überwacht) werden. Zwischendurch (Schulferien) sollen Behandlungspausen eingelegt werden.

Regelmäßige Längen und Gewichtskontrollen sowie eine strenge Überwachung anderer Wachstumswerte werden empfohlen (vgl. Appetithemmung!)

Da außerdem die Aufnahme des Wirkstoffes durch Mahlzeiten beeinträchtigt wird, ist eine Gabe erst eine Stunde nach den Mahlzeiten zu empfehlen.

Reicht das, oder soll ich noch weitere Details angehen?

Tschüß

Helfried

Der Apotheker aus HANDIX u.a.
Helfried Adami um 18:16 Uhr am 27-Feb-97

Heidi schrieb daraufhin

Hallo Hellfried,

was lange währt,... hoffentlich .... <g>

>>Die amerikanischen (gewinnorientierten) Krankenkassen üben angeblich Druck auf die Ärzte aus, Arzneimittel anstelle einer teuren Psychotherapie zu verschreiben. (Was mich erschreckt!)

Nun, darüber kann man streiten. In Deutschland sieht es eher so aus, daß erstmal auf Psychotherapie verwiesen wird, weil hier noch immer davon ausgegangen wird, jedenfalls sehr häufig, daß das ADD durch Erziehungsfehler seitens der Eltern verursacht wird.

Psychotherapie empfiehlt sich bei ADDern nur in einem Fall: nämlich dann, wenn er, genau wie andere Leute, die eine Therapie machen, Probleme hat, die nicht aus dem ADD herrühren, oder wenn, dann tatsächlich nur als Sekundärproblem. Das ADD selbst ist hierdurch nicht am Schopfe zu packen. Die Sekundärproblme als solche, und um hier ein bißchen konkreter zu werden, werde ich das gleich an einem Beispiel verdeutlichen, lassen sich allerdings auch nur in Kombination mit einer (medikamentösen) ADD-Behandlung beheben.

Also: Wenn ein ADDer, was nicht allzu selten vorkommt, eine unbezwingbare Spielleidenschaft hat, dann kann er diese nur dann psychotherapeutisch in den Griff bekommen, wenn zugleich das ADD behandelt wird, weil es ursächlich für diese Spielleidenschaft ist. Meist erübrigt sich das Problem aber mit einer vernünftigen medikamentösen Einstellung.

Sollte der ADDer Probleme mit dem Selbstwertgefühl haben, was mit Sicherheit der Fall sein wird, so kann er zusätzlich zur medikamentösen Behandlung, die ihn erst aufnahmefähig für die Problematik macht, eine
DIREKTIVE Verhaltenstherapie oder eine multimodale Therapie machen. Kontraindiziert sind Psychoanalyse, systemische Familientherapie, bei Kindern Spieltherapie und Festhaltetherapie.

>>So nun zu Ritalin speziell.

Zugrunde liegen bei mir mehrjährige Erfahrungen mit Ritalin sowie Arzneimittelberichte und Aufsätze der Firma Ciba-Geigy und anderer Forschungsquellen.

>>Unterdrückung von Müdigkeit.

Das ist so nicht ganz zufriedenstellend. Einesteils ja, andernteils nein. Das Grundproblem der Hypies, nämlich Probleme mit dem RAS werden durch Ritalin günstig beeinflußt. Das heißt, DIE Zappeligkeit, die durch vermehrte Ausschüttung von Schlafhormonen verursacht ist, läßt nach. Das kann ersteinmal so aussehen, daß die Ritalinschlucker abends nicht mehr einschlafen können.

Das kommt aber erstmal dadurch zustande, daß ein Ungleichgewicht durch die Medikamentierung tagsüber entstanden ist. Und - daß das Hirn eine enorme Leistung vollbringen muß, um sich so weit zu sammeln, einschlafen zu können. Das geht schwer im Zustand des Rebounds. Gute Erfahrungen ließen sich meist erzielen, wenn eine Stunde vor dem Schlafengehen noch einmal eine reduzierte Dosis Ritalin eingenommen wurde. Das klappt nicht von heute auf morgen, aber im Laufe einer Woche sollten sich damit die Einschlafprobleme erledigen lassen.

>>Der Appetit *kann* vermindert sein.

Worauf Du wetten kannst. Das ist das Hauptmerkmal der Nebenwirkungen, über das Eltern klagen. Die Kinder nehmen erst einmal ab. Außer dem Frühstück, was tunlichst vor der Medikamenteneinnahme liegen sollte, wird den ganzen Tag nichts gegessen. Die Wirkung des Appetitmangels und der regelrechten Nahrungsverweigerung tritt ungefähr 10-15 Minuten nach der Tabletteneinnahme ein und hält etwa drei Stunden nach Abklingen der Wirkung der letzten Dosis an.

So empfiehlt sich aus Erfahrungswerten eine dreimalige Tabletteneinnahme bei Kindern, da die Wirkung ungefähr 4 Stunden hält. Die erste Dosis morgens nach dem Frühstück, die zweite mittags gegen 12 oder 13 Uhr. Dann ist das Kind meist in der Lage bis 20:00 oder 21:00 Uhr noch etwas zu essen (BTW es verschlingt dann wahllos Berge und man sollte es lassen. Z.B. einfach das Mittagessen aufheben und abends in die Mikrowelle stellen. Das trägt erheblich zur familiären Entspannungspolitik bei <g>).

Dann, bei Schlaflosigkeit noch einmal nach dem Essen eine halbe Dosis Ritalin. Bei Erwachsenen variiert das mehr und man muß es halt ausprobieren. I.a. hält die Dosis bei Erwachsenen nur 3 Stunden und es wird eine 5 malige Tagesdosis empfohlen.

>>Bei _Überdosierung_ droht Anstieg der Körpertemperatur, durch die Verkennung der Leistungsgrenzen kann ein Zusammenbruch bis zum Tod führen (Doping in Reinkultur!).

Ich hatte schon einmal angedeutet, daß es bei verschriebenem Ritalin so gut wie unmöglich ist, im vorgenannte Sinne überzudosieren. Die normale tägliche Dosis bei einem Erwachsenen (sowie bei Kindern ab 12 Jahren) liegt bei 5 mal 10 mg (also 50/mg/pro Tag). Bei Kindern 2-3 mal 5 mg (also ca 15 mg/Tag, aber auch Dosen von 120 mg pro Tag sind in Einzelfällen nicht unüblich). Die verschriebene Menge liegt immer so, daß sie für etwa 30 Tage ausreichend ist. Um Doping zu veranstalten, braucht ein Erwachsener eine Mindestdosis von 200 mg (das ist eine ganze Packung!). Und das ist noch lange keine Überdosierung. Tatsächlich sind solche Dosierungen mit verschriebenem Ritalin nicht zu erreichen, zumal der medikamentierte Hypie ja seine Medi täglich braucht <g>.

(Nachtrag: Eine fatale Wirkung hat Ritalin also nicht, allerdings wird mit steigender Dosis auch ggf. das eigentliche Ziel verfehlt und eine Apathie tritt auf. Eine gut ausgependelte Dosierung sollte eine Rest-Hippeligkeit aufzeigen, bei bestem Konzentrationserfolg. Letzlich wird Ritalin zur Konzentrationsförderung gegeben und nicht zur "Beruhigung". Der Schüler oder Erwachsene, der sich besser konzentrieren kann, wird in der Situation eben ruhiger, aber nicht aufgrund einer Betäubung oder Sedierung seiner Person.)

>>Daher sollte Methylphenidat nur in Verbindung mit streng geführter Psychotherapie verordnet werden."

Dazu habe ich oben bereits Stellung genommen. Natürlich sollten die Kinder/Erwachsenen während dieser Zeit von einer Vertrauensperson angeleitet und geführt werden, weil es tatsächlich gilt, die neuen Eindrücke zu verarbeiten. Therapie als solche ist jedoch in den meisten Fällen nicht unbedingt sinnvoll. Empfehlenswert sind allerdings Mototherapie und Ergotherapie, weil meist noch Teilleistungsstörungen vorhanden sind.

>>Das bei psychotischen oder schon vorher drogenabhängigen Patienten äußerste Vorsicht geboten ist, wird mehrfach betont.

Wenn es sich bei den Drogensüchtigen um Hypies handelt ist das Problem meiner Erfahrung nach nicht so immens. Meist handelt es sich um irgendeine Art der Selbstmedikation, die schlagartig aufhört, sobald Stimulanzien in therapeutischen Dosen verschrieben werden.

>>Auch bei Krampfanfällen in der Vorgeschichte kann eine Verschlimmerung eintreten.

Ebenso das Ausbrechen oder die Verstärkung von Tics ist unter Ritalin möglich. Ein Tourette-Syndrom wird auch in den meisten Fällen verschlimmert.

>>Bei Langzeitbehandlung wird die Überwachung des Blutbilds empfohlen, da nicht alle Wirkungen bekannt sind.

Vor allem eine Überwachung der Leberwerte halbjährlich.

>>Beim Absetzen soll auf die mögliche Demaskierung einer Depression (!) und chronische Hyperaktivität geachtet werden.

Das ist i.a. bereits beim Rebound der Fall. D.h. wenn die Wirkung nachläßt, treten häufig, besonders bei Kindern, schwere Depressionen auf, sowie eine Hyperaktivität, die um ein vielfaches schlimmer ist, wie sie vorher war. Da hilft i.a. eine weitere Gabe von Ritalin, um diesen Effekt zu vermeiden.

Deshalb geht man heutzutage von einer grundsätzlichen Langzeitbehandlung aus, und nicht mehr, so wie noch vor ein paar Jahren, von einen Stotter-Therapie, d.h. Ritalin an den Wochentagen, am Wochenende und in den Ferien nicht.

Die psychische Belastung und das Wechselbad der Gefühle sind meist Größen, die nicht mehr unproblematisch zu handeln sind. Sollte man dennoch das Ritalin absetzen, wird man einen positiven Effekt beobachten, der sich über die Einnahme hinaus fortsetzt. Erst nach 6 Wochen wird der ursprüngliche ADD-Zustand wieder in etwa hergestellt sein.

>>Aber _nicht_ bei bestimmungsgemäßen Gebrauch, auch nicht bei Jugendlichen und Erwachsenen, die als Kinder damit behandelt wurden. (also keine "Spätfolgen", eher wenig Interesse an späteren "Experimenten mit der Psyche" durch Drogen)

Tatsächlich auch nicht bei Erwachsenen, die noch immer oder gerade erst jetzt mit Ritalin behandelt werden. Eher das Gegenteil ist der Fall, nämlich daß ADDer eher vergessen, ihre Medi zu nehmen.

>>Dosierung: muß individuell angepaßt werden (da muß der Apotheker ggf. nachhelfen und aus den Ritalin Tabletten speziell dosierte Kapseln machen, so wie ich das auch kennengelernt habe)

Ist bei einer guten Apotheke unproblematisch. Es empfehlen sich, schon wegen der schlechten Teilbarkeit der Tabletten Kapseln a 2,5 mg Ritalin gestreckt mit Milch- oder Traubenzucker. Das macht die individuelle Dosierung leichter. Mitunter kann man bereits morgens einschätzen, ob man mehr oder weniger braucht, hängt ganz von der Tageskonstitution ab. Mein Sohn, 8 Jahre, nimmt Ritalin jetzt seit 3 Jahren und kann das bereits prima selbst abschätzen.

Auf dem BTM-Rezept muß dann zusätzlich vermerkt sein: z.B. Ritalin, 40 (vierzig) Tabletten (400 mg) in Kapseln zu 2,5 mg. Dann trägt das auch die Kasse. Bei einer Packung (20 Tabletten) kostet der Spaß etwa 40 DM, wenn man das selber trägt. Ritalin ist nicht wasserlöslich und kann daher nicht als Saft aufbereitet werden.

>>Zwischendurch (Schulferien) sollen Behandlungspausen eingelegt werden.

siehe oben. Wegen des Rebounds nicht empfehelenswert.

>>Regelmäßige Längen und Gewichtskontrollen sowie eine strenge Überwachung anderer Wachstumswerte werden empfohlen (vgl. Appetithemmung!)

Vor einigen Jahren gab es einmal Berichte über verzögertes Längenwachsum. Diese Untersuchungen konnten aber nicht bestätigt werden. Es gibt allerdings heftigere Wachstumsschübe. D.h. es passiert eine Weile gar nichts und plötzlich ist das Kind mehrere Zentimeter größer geworden.

Gewichtskontrollen empfehlen sich. Allerdings ist erst einmal mit einer Gewichtsabnahme von bis zu 5 kg zu rechnen. Auf diesen Wert wird es sich i.a. einpendeln. Einmal wöchentlich wiegen genügt!

>>Reicht das, oder soll ich noch weitere Details angehen?

Wenn Du daran Interesse hast, können wir darüber weiterdiskutieren. Ein Haufen anderer Leute wird das sicher auch gern wissen wollen. Und mir fällt es leichter, auf Fragen oder Thesen oder Aussagen zu antworten, als mir alles allein aus den Fingern zu ziehen und dabei die Hälfte zu vergessen... Was so ein alter Hypie ist...

Viele Grüße

Heidi

Helfried antwortete:

Hallo Heidi,

>> Nun, darüber kann man streiten. In Deutschland sieht es eher so aus, daß erstmal auf Psychotherapie verwiesen wird, weil hier noch immer davon ausgegangen wird, jedenfalls sehr häufig, daß das ADD durch Erziehungsfehler seitens der Eltern verursacht wird. Psychotherapie empfiehlt sich bei ADDern nur in einem Fall: nämlich dann, wenn er, genau wie andere Leute, die eine Therapie machen, Probleme hat, die nicht aus dem ADD herrühren, oder wenn, dann tatsächlich nur als Sekundärproblem. <<

Ich denke es geht mehr darum, daß ein _kompetenter_ Arzt die Ritalin-Thrapie ständig begleitet. Wenn ich täglich sehe, wie unverantwortlich Medikamente verschrieben werden, dann sollte gerade bei einem Medikament, das individueller Dosierung bedarf, eine kontinuierliche Betreuung da sein. Eben nicht nach dem Motto, "der Hausarzt verordnet alle paar Wochen nach".

Es ist sicherlich auch für die patienten bequem, wenn der Hausarzt die Betreuung übernimmt, statt einer Klinik oder einem erfahrenen Facharzt, nur was ich gerade im Verornungverhalten von Ärzten in den letzten Monaten gesehen habe, war wieder desillusionierend, was rationelle Arzneimitteltherapie angeht.

Aber die Psychotherapie ist sicherlich nicht mein Fachgebiet.

>> Gute Erfahrungen ließen sich meist erzielen, wenn eine Stunde vor dem Schlafengehen noch einmal eine reduzierte Dosis Ritalin eingenommen wurde. Das klappt nicht von heute auf morgen, aber im Laufe einer Woche sollten sich damit die Einschlafprobleme erledigen lassen. <<

Die individuelle Anpassung der Dosierung an den Tagesrythmus ist wohl nicht ganz einfach. Ich habe da nur die Angaben von (sehr breiten) Standarddosierungsschemen in meinem Text. Es müssen ja notwendige Wirkung und die Nebenwirkungen ausbalanciert werden. Wobei das Einschlafen bei vielen Menschen durch (scheinbar) paradoxe Wirkungen erzielt werden kann. ( z.B. ältere Menschen schlafen auch durch einen nicht zu starken Kaffee besser ein.)

>> Das ist das Hauptmerkmal der Nebenwirkungen, über das Eltern klagen. Die Kinder nehmen erst einmal ab. Außer dem Frühstück, was tunlichst vor der Medikamenteneinnahme liegen sollte, wird den ganzen Tag nichts gegessen. <<

Wurde in meinen Unterlagen ähnlich beschrieben, jedoch mit dem Hinweis, daß individuell unterschiedlich diese Nebenwirkung nach einigen Tagen bis Wochen nachläßt. Der Gewöhnungseffekt ist eigentlich für alle Appetitzügler typisch.

>> I.a. hält die Dosis bei Erwachsenen nur 3 Stunden und es wird eine 5 malige Tagesdosis empfohlen. <<

Du meinst die Tagesdosis wird auf fünf Einzeldosen verteilt?!

>>Um Doping zu veranstalten, braucht ein Erwachsener eine Mindestdosis von 200 mg (das ist eine ganze Packung!). Und das ist noch lange keine Überdosierung. Tatsächlich sind solche Dosierungen mit verschriebenem Ritalin nicht zu erreichen, zumal der medikamentierte Hypie ja seine Medi täglich braucht <g>. <<

Ich habe nur meinen Datenbankauszug zusammengefaßt. Daten zu Überdosierungen durch Unfall, kriminelle Manipulationen etc. gehören dazu. Die eigentliche Anwendung berührt das natürlich nicht. Es geht darum zu wissen, was z.B. passiert und welche Maßnahmen zu ergreifen sind, wenn durch ein Versehen eine Person größere Mengen des Wirkstoffs zu sich nimmt. Beispiel: der kleine Bruder kommt an die Packung und futtert alle Tabletten auf einmal. Wat nu?

Man darf die Augen nicht verschließen vor den Dingen, die jenseits des bestimmungsgemäßen Gebrauchs liegen. :-(

>> Therapie als solche ist jedoch in den meisten Fällen nicht unbedingt sinnvoll. <<

Das ist wohl mehr eine Definitionsfrage, zu der ich nicht Stellung nehmen kann. Ich habe es nur zitiert.

>> Wenn es sich bei den Drogensüchtigen um Hypies handelt ist das Problem meiner Erfahrung nach nicht so immens. <<

Die Frage ist nur sind es wirklich Hypies? Wenn ja, hast Du recht. Aber es geht hier um eine Warnung an die Fachkreise Ritalin nicht ohne Bedenken zu verschreiben, wenn der Patient suspekt ist.

Ebenso ist die Warnung vor den anderen Kotraindikationen und selteneren Nebenwirkungen zu verstehen: der Arzt muß das dem Medikament zuordnen können, wenn ein Problem auftritt.

>> Sollte man dennoch das Ritalin absetzen, wird man einen positiven Effekt beobachten, der sich über die Einnahme hinaus fortsetzt. Erst nach 6 Wochen wird der ursprüngliche ADD-Zustand wieder in etwa hergestellt sein. <<

Zur Dosisanpassung wird aber immer mal wieder ein Absetzen notwendig sein. Dabei ist ja ein langer Intervall nicht unbedingt notwendig.

>> Eher das Gegenteil ist der Fall, nämlich daß ADDer eher vergessen, ihre Medi zu nehmen. <<

Das ist nach meiner Erfahrung nicht nur bei Ritalin der Fall (g).

>> Ist bei einer guten Apotheke unproblematisch. Es empfehlen sich, schon wegen der schlechten Teilbarkeit der Tabletten Kapseln a 2,5 mg Ritalin gestreckt mit Milch- oder Traubenzucker. <<

Die Tabletten haben eine viel zu kleine Bruchkerbe. Ohne Tablettenteiler sind die nicht exakt zu zerteilen.

Milchzucker geht wahrscheinlich noch, aber von Traubenzucker möchte ich aus herstellungstechnischen Gründen abraten. Das gibt garantiert Schwierigkeiten mit der Luftfeuchtigkeit. evtl. auch Verklumpungen bei der Herstellung der Kapseln. Das übliche Mannit/Kieselsäure-Gemisch nach Arzneibuch ist da sicherer.

>> Auf dem BTM-Rezept muß dann zusätzlich vermerkt sein: z.B. Ritalin, 40 (vierzig) Tabletten (400 mg) in Kapseln zu 2,5 mg. Dann trägt das auch die Kasse. Bei einer Packung (20 Tabletten) kostet der Spaß etwa 40 DM, wenn man das selber trägt. <<

Ich kann es ja mal nachrechnen, dafür gibt es ja die Arzneimittelpreis-Verordnung. (für die Apotheke ist es vermutlich ein Zuschußgeschäft)

>> Ritalin ist nicht wasserlöslich und kann daher nicht als Saft aufbereitet werden. <<

Es geht mit Sicherheit! Aber eine stabile Suspension auszutüfteln und herzustellen ist verdammt aufwendig. Wenn genügend Bedarf da ist setzen sich die Ciba-Leute vielleicht doch noch daran.

>> Vor einigen Jahren gab es einmal Berichte über verzögertes Längenwachsum. Diese Untersuchungen konnten aber nicht bestätigt werden. <<

Das ist das Problem: sie konnten weder bestätigt noch widerlegt werden, also weiter beobachten.

>> Einmal wöchentlich wiegen genügt! <<

Ist öfter jemals nötig? Entweder ist der Gewichtverlust dramatisch, dann sieht man es auch so oder er ist nicht weiter schlimm, dann reicht eimal die Woche um längerfristige Vergleiche zu haben.

>> Wenn Du daran Interesse hast, können wir darüber weiterdiskutieren. <<

Gerne doch! Ich will ja auch etwas dazulernen (bs)

Tschüß

Helfried

Helfried Adami um 02:04 Uhr am 19-Mar-97

Heidis Antwort:

Hallo Hellfried,

>>Ich denke es geht mehr darum, daß ein kompetenter Arzt die Ritalin-Thrapie ständig begleitet.

Das ist sicher sehr wichtig. Ich habe auch schon oft beobachten können, daß Ärzte ziemlich schnell mit dem Rezeptblock bei der Hand sind. Ganz egal, ob sich das nun um Beruhigungsmittel für Kinder oder um Ritalin handelt. Ein KOMPETENTER Arzt muß her, aber das ist bei der ADD-Problematik nicht so einfach, zumndest in Deutschland...

Zumindest alle halbe Jare sollte ein Differentialblutbild mit Ritalinspiegel gemacht werden und die Leberwerte, sowie die Schilddrüsenwerte überprüft werden. Ebenso wichtig ist vierteljährlich ein EEG, um zu überprüfen, ob Krampfpotentiale auftreten. Außerdem eine ständige Überwachung der Dosis sowie ein Bereitstehen für Rückfragen und weitere Probleme , die auftreten können, wie z.B. Tic-Störungen.

>>Eben nicht nach dem Motto, "der Hausarzt verordnet alle paar Wochen nach".

Ein gewissenhafter Arzt richtet sich nach den oben aufgeführten Richtlinien. Es gibt i.a. ein rezept für etwa 40 Tage bei einem Arztbesuch, wobei er das Kind sieht. Dann gibt es noch einmal eine Nachverordnung, aber beim nächsten Mal muß wieder eine Untersuchung stattfinden. So daß man im Schnitt vierteljährlich sich beim Arzt vorstellen muß. Das ist eine vernünftige Regelung.

>>Es müssen ja notwendige Wirkung und die Nebenwirkungen ausbalanciert werden.

Zumal die Newbenwirkungen beim Ritalin erst etwa 6 Wochen nach Behandlungsbeginn verschwinden. Wenn nicht, dann sollte man es mit einem anderen Medikament versuchen. D.h. Nebenwirkungen wie Appetitmangel und Schlaflosigkeit bleiben oft erhalten (das läßt sich aber über die Dosierung meist in den Griff bekommen). Wenn Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit, Magen-Darm-Störungen über diese sechs Wochen hinaus bestehen bleiben, sollte man sich um ein anderes Präparat bemühen. Es gibt da noch einige, die eine ähnliche Wirkung wie Ritalin haben und im Einzelfall besser verträglich sind. Sicher sind sie alle. Ich werde noch einen gesonderten Thread eröffnen, in dem ich diese Medikamente erwähne.

>>daß individuell unterschiedlich diese Nebenwirkung nach einigen Tagen bis Wochen nachläßt. Der Gewöhnungseffekt ist eigentlich für alle Appetitzügler typisch. (Appetitmangel)

Kann ich nach dreijähriger Ritalineinnahme meines Sohnes nicht feststellen, daß der Appetit gestiegen wäre. Während Krankheitszeiten (in denen sich das Ritalin mit Fieber nicht so gut zu vertragen scheint, d.h. trotz oder gerade wegen Ritalineinnahme gesteigertes ADD), in denen mein Sohn kein Ritalin bekommt, vertilgt er trotz hohen Fiebers Berge. Man sieht ihn dann nur kauen...

>>Du meinst die Tagesdosis wird auf fünf Einzeldosen verteilt?!

Sorry, da war ich wohl ein bißchen flapsig. Natuerlich hast Du Recht. Allerdings liegt die Einzeldosis oft höher als bei Kindern.

>>Es geht darum zu wissen, was z.B. passiert und welche Maßnahmen zu ergreifen sind, wenn durch ein Versehen eine Person größere Mengen des Wirkstoffs zu sich nimmt.

Es folgt ein Auszug aus der
Fachinformation zu Ritalin von Geigy:

"Notfallmaßnahmen, Symptome und Gegenmittel
a) Symptome

Die Symptome einer akuten Überdosierung sind hauptsächlich auf die Übererregung des Zentralnervensystems und auf übermäßig starke sympathomimetische* Effekte zurückzuführen.
Folgende Symptome können auftreten:
Erbrechen, Agiertheit, Tremor*, Hyperreflexie*, Muskelzuckungen, Konvulsionen (möglicherweise mit anschließendem Koma), Euphorie, Konfusion, Halluzinationen, Delirium, Schweißausbruch, Hitzewallungen, Kopfschmerz, Hyperpyrexie*, Tachykardie*, Palpitationen*, Herzrhythmusstörungen, Hypertonie*, Mydriasis* und Schleimhauttrockenheit.

b) Therapie
Ein spezielles Antidot* existiert nicht. Die Behandlung besteht aus geeigneten stützenden Maßnahmen. Der Patient muß davor geschützt werden, sich selbst zu verletzen, und gegen äußere Reize abgeschirmt werden, die die bereits vorhandene Übererregung verstärken könnten. Wenn der Patient bei Bewußtsein ist, und die Symptomatik schwer ist, sollte eine Magenentleerung durch induziertes Erbrechen oder eine Magenspülung erwogen werden. Diese darf nur erfolgen, wenn vorher eine abgemessene Dosis eines kurzzeitig wirkenden Barbiturates verabreicht wurde. Wegen der kurzen Halbwertszeit ist eine forcierte Entfernung von methylphenidat aus dem Organismus nicht erforderlich. Atmung und Kreislauf müssen gegebenenfalls mit intensiv-medizinischen Maßnahmen unterstützt werden. Eventuell sind externe Kühlungsmaßnahmen gegen Hyperpyrexie* angezeigt."

sympathomimetisch: Wirkungsweise von Substanzen, die der Wirkung der Erregung des Sympathikus ähneln. Der Sympathikus ist der Grenzstrang mit den zugehörigen sympathischen Nerven, Geflechten und Ganglien.
Tremor: Zittern
Hyperreflexie: gesteigerte Refelexe
Hyperpyrexie:hohes Fieber über 41 Grad
Tachykardie: Steigerung der Herzfrequenz auf über 100 Schläge/min
Palpitationen: Herzklopfen
Hypertonie: Bluthochdruck
Mydriasis: Pupillenerweiterung

Antidot: Gegengift
>>eine Warnung an die Fachkreise Ritalin nicht ohne Bedenken zu verschreiben, wenn der Patient suspekt ist.

Ich denke, dieses Problem besteht bei jeder Verordnung, ganz besonders natürlich bei Psychopharmaka. Aber mit dieser Medikamentenmenge, die i.a. verschrieben wird, kann man keinen Drogie glücklich machen. Den Arzt zu wechseln hat i.a. nicht soviel Aussicht, weil es nicht viele gibt, die Ritalin verschreiben.

Es wird in der Fachinfo darauf hingewiesen, daß Ritalin kontraindiziert ist bei Patienten mit ZURÜCKLIEGENDER Drogenabhängigkeit, bzw. Arzneimittel- oder Alkoholmißbrauch.

>>Zur Dosisanpassung wird aber immer mal wieder ein Absetzen notwendig sein. Dabei ist ja ein langer Intervall nicht unbedingt notwendig.

Tatsächlich zeigen Untersuchungen, daß die Dosis i.a. nur einmalig erhöht werden muß. Etwa 1-3 Monate nach Beginn der Therapie, weil sich dann ein gewöhnungseffekt eingestellt hat. Nach dieser Erhöhung ist eine weitere allerdings meist nicht mehr nötig. Bei Kindern wird eine weitere inmalige Dosiserhöhung etwa um das 12. Lebensjahr herum nötig.

Was die Dosierung an sich betrifft, gibt es keine einheitliche Basis. Manche Ärzte verschreiben nach dem Motto viel hilft viel, andere dosieren eher sparsam. Als Faustregel mag hier gelten: Solange das Ritalin den Charakter des Patienten nicht verändert (d.h. solange er nicht auffällig ruhig (apathisch) ist oder sich ganz entgegengesett zu sonst verhält), ist nicht überdosiert worden. Die Aufmerksamkeitsspanne bei der Verwendung von Ritalin hat übrigens ihr höchstes Level, wenn die Hyperaktivität nicht ganz reduziert wird. Das muß man genau beobachten und gegebenenfalls die Dosierung darauf einstellen.

>>Die Tabletten haben eine viel zu kleine Bruchkerbe. Ohne Tablettenteiler sind die nicht exakt zu zerteilen.

Selbst mit Tablettenzerteiler hat man wenig Chancen. Tatsächlich erzielt man damit bei der Halbierung einer Tablette Abweichungen von bis zu 1,5 mg. Und das kann erheblich ins Gewicht fallen, wenn eine Dosis 6,5 mg, die nächste nur 3,5 mg hat.

Eine andere Lösung ist Ritalin SR (Slow Release). Das gibt es in Deutschland leider nicht, ist aber in Problemfällen über die Auslandsapotheke zu beziehen, wenn der Arzt das auf dem Rezept vermerkt. Ritalin SR gibt es in Tabletten zu 20 mg; es wird langsam im Körper freigesetzt und hält bei Erwachsenen bis zu 7 Stunden, bei Kindern den ganzen Tag. Empfohlen wird eine Dosis von 0,3 - 0,7 mg/kg Körpergewicht. Das bedeutet bei einem Kind von etwa 30 kg eine halbe Tablette bis eine Tablette, bei Erwachsenen dementsprechend mehr. Allerdings dazuert es ein bis zwei Stunden, bis die Wirkung eintritt.

>>>> Ritalin ist nicht wasserlöslich und kann daher nicht als Saft aufbereitet werden. <<


>>Es geht mit Sicherheit! Aber eine stabile Suspension auszutüfteln und herzustellen ist verdammt aufwendig.

Man kann sich das Zeug in Alkohol lösen lassen und hat dann Tropfen. Aber... Ich würde abraten. Ritalin und Alkohol sind erstens nicht die genialste Mischung und zweitens, wer möchte sein Kind denn bereits in diesem Alter täglich mit Alk abfüllen?

So long erstmal

Heidi



(c) Hypies Berlin, Helfried Adami