Hypies über Ritalin
RITALIN - Notizen erwachsener ADDer
Man weiß nicht so recht (der Einsteiger) "Ich nehme zur Zeit manchmal ein wenig Ritalin, es macht cool, aber später ist es dann leicht unwirklich, man weiß nicht so recht, wie es nun weitergehen soll, man ist etwas neben sich , empfand ich: Etwas weniger impulsiv - und weiß nicht wie nun weiter. Jedenfalls überlegter. Aber es ist nicht so schlimm, daß ich nun gar nicht mehr weiß, wie man Dinge kunstvoll verwirren kann. Man muß nur weiterhin wollen. Mit Ritalin kann ich anspannende Situationen durchleben, ohne daß ich Nervosität empfinde. Nervöse Empfindungen, damit meine ich, was neulich mal als "die Vorahnung von etwas Negativem" bezeichnet wurde oder man etwas nicht versteht und es überkommt einen ein desorientiertes Gefühl." |
Die alte Unruhe ist wieder da "Ach, Leute ich habe heute, weil mein Adrenalin partout nicht runter gehen wollte, seit ich mich gestern aufgeregt habe und weil mein Allgemeinzustand eher jämmerlich ist, mal wieder mein Ritalin probiert. Ich kriege meine tausende Fluchtbewegungen (stets aus gutem Grund und ach so sinnvoll) sonst nie gestoppt! Nach einer halben Stunde war ich wie ausgewechselt, ruhig grinsend wie ein Schachspieler, nichts hätte mich aus der Ruhe bringen können. Leider war schon nach zwei Stunden die alte Unruhe und der Adrenalin-Druck wieder da. Aber ich habe auch nur 10 mg genommen. Ich muß mal überlegen, ob da nicht ein Weg für bestimmte Tage ist... vielleicht mehr nehmen..." |
Zielgerichteter, rundum unempfänglicher, reduzierter, erfolgreicher "Ritalin focussiert, Ritalin kanalisiert meine "Leistungsfähigkeit", macht mich unempfänglicher für die tausend "Eingebungen" und Vorgänge rundumher. Aber ich merke auch, daß ich nicht so umfangreich und "unendlich" bin mit Ritalin. Aber die Leistungsfähigkeit steigt, weil die Ausweichmanöver seltener werden und nur eine Sache angegangen wird: Die grad wichtigste."
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Sehen "Ich habe nicht den geringsten Schimmer, wieso, aber ich sehe mit Ritalin besser, schärfer, kontrastreicher und farbiger. Vielleicht kommt es durch den verstärkten Tonus und Druck im Auge..." |
Körperwahrnehmung "Ich nehme meinen Körper unter Ritalin weiterhin nicht so deutlich wahr, wie ich dies schon als möglich erleben konnte. Der Kopf bekommt noch mehr die Oberhand und nicht der Teil, der darunter liegt. Man denkt klarer, aber man ist halt im Denken verstrickt, löst, regelt und schafft - aber der Körper wird noch gründlicher verdrängt. Eher denke ich noch tiefer über Aufgaben und Vorgaben von "außen" nach, als daß ich mit Ritalin die körperliche Befindlichkeit besser als üblich wahrnehmen könnte. Meine üblichen Verspannungen, der problematische Magen und alle diese körperlichen Störfall-Meldungen, die schon ca. 10 Minuten nach dem Aufwachen für den Rest des Tages aus der erfahrbaren Beachtung verschwinden, bleiben auch unter Ritalin verschwunden. Das es Mittel gibt, die eine Sensibilisierung der Empfindungen für den eigenen Körper (bis hin zur Entspannung und Entkrampfung) bewirken können habe ich feststellen können. Aber Ritalin scheint eher die Gedanken vom Körper wegzulenken, als hier eine zusätzliche Sensibilität zu schaffen. Wenn nun eine bestimmte Sorte von ADDern ihren Körper sowieso schon durch ihre permanente Gedankenflut weggeblendet haben, kommt er sich selbst so nicht näher, eher im Gegenteil. Vielleicht sollte ich noch anfügen, daß ich diese Art, zu funktionieren als hyperfunktionalen Autismus bezeichnen würde, d.h. eine bisher vielleicht nicht recht bekannte oder untersuchte Art eines sehr anstrengenden Zusammenspiels mit der Außenwelt. Aber es sind ja nicht alle ADDer so." |
Eine gewisse Euphorie "Nach ca. 1,5 Stunden habe ich ein enormes Hoch, die Zuversicht in die eigenen Fähigkeiten ist enorm, weil man die eigenen Kräfte plötzlich realisiert. Will sagen, die ansonsten empfundene Überforderung der schwierigsten Aufgaben weicht und man bekommt ein Zeitgefühl dafür, daß man es schaffen wird und daß die Aufgabe nur eine Frage der fortgesetzten Anstrengung in einem plötzlich klaren Zeitrahmen ist. Nach ca. 1 Stunde nach Einnahme von Ritalin gibt es regelmäßig so einen kleinen gefühligen Rutsch bei mir und ich würde gern die Welt umarmen. Aber die Welt hält sich vornehm zurück und weist auf die vor mir liegende Arbeit. Eine gewisse sexuell gefärbte Euphorie während dieser Hochphase habe ich auch registriert. A Dann kommt irgendwann ein Nachlassen dieser Wirkung und man ist irgendwann wieder im alten Trott. Man müßte vielleicht Ritalin nachlegen, aber man arbeitet grad so innig und schon ist es vergessen. Typisch ADD. Sobald es läuft, ist alle Nachdenklichkeit vorbei." |
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Ritalin: Cooler im Beruf In Situationen die sonst mit unerwünschten und "unpassenden Gedanken" einhergehen, habe ich unter Ritalin eine Ruhe und Übersicht, die mich selbst erstaunt. In diesen Situationen (z.B. anstrengende Besprechung) neige ich ohne Ritalin mitunter zu einer zu intensiven Wahrnehmung der Personen, ihrer Fremdheit und zu etwas phobischen Reaktionen und Angst vor fehlerhafter Erinnerung oder Ausrutschern. Mit Ritalin reduzieren sich diese Elemente auf souveräne Gelassenheit und sichere Entscheidungen, die für den Augenblick vollkommen ausreichen. Man ist beherrscht, Ideen sind dann nicht blockiert von der Abwehr der Wahrnehmung des atmosphärischen SMOG der von fremden, unverständlichen Menschen ausgeht, die offensichtlich anders sind und deren Freundschaft man nicht sucht. |
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Coffein Und wenn ich dann Coffein-Tabletten einpfeife, wird alles klar, die Dinge bekommen Konturen, die sonst verwaschen an mir vorbeihuschen. Manchmal geht es aber auch ohne. Die Sachen sind dann allerdings nicht so überdeutlich. |
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Sucht "Mann, es geht mir heute nur halb gut. Habe mal wieder Dank Ritalin bis in den Morgen gearbeitet. Zugegeben, es ist wirklich übermäßig viel zu tun. Vorhin bin ich der absoluten Nervenkrise entronnen und in einen Tiefschlaf geglitten, habe mir vorgenommen nie wieder zu rauchen, weil das Nikotin mich echt übel erwischt hat. Jetzt geht es mir besser, habe aber schon beim Erwachen wieder geraucht, daher kommen schon mit der ersten Zigarette die harten Verspannungen im Nacken-Schulter-Bereich wiederkurz spürbar zurück, bevor auch dieses Gefühl im Streßnebel verschwindet. Ich bin ein echter Sucht-Fall. Muß mich wirklich zusammenreißen und wenigstens das Rauchen aufgeben. "Jetzt ist grad nicht der richtige Augenblick, meine Süchte zu bekämpfen, Sir! Nicht angesichts dieses Streß!" Ich vertrage weder Rauchen, noch Kaffee. Die erste Zigarette am morgen wirft mich um und wenn ich Kaffee trinken sollte, kriege ich Beklemmungen, nach rund einer Stunde. Wenn ich mir vorstelle, daß mich dieses Rauchen auch noch umbringen kann, wenn schon die Arbeit kaum Zeit zum Leben läßt. Gesünder leben, bewußter ernähren? Wo kriege ich jetzt noch einen starken Kaffee her, das wäre doch sehr viel interessanter - was hat angesichts monatelangem Arbeitsdrucks das Leben übrig für mich?" |
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Überarbeitung mit Ritalin Wie gesagt, man leistet und leistet, will noch dies und das erledigen, überarbeitet sich mehr oder weniger, flieht nicht, sondern hält stand. Man erbringt genau das, wovor der der ADDer eigentlich aus gutem Grund zurückschreckt - man klebt fest an einer Sache, die andauert und die Person nicht mehr losläßt. ADDer haben eine intuitive Abneigung gegen Zwänge, weil sie ohnehin Schwierigkeiten haben, sich von Dingen zu lösen, wenn sie erst einmal damit begonnen haben. Ich habe in den letzten zwei Wochen (obwohl immer an der Grenze der totalen Erschöpfung) viel zu viel gearbeitet und diverse Ergebnisse vollbracht, die hochwichtig und kaum erreichbar gewesen wären. Man fühlt sich erfolgreich und "in Kontrolle", aber auch etwas hohl. Ein Berliner Neurologe meinte, daß sich Leute mit Ritalin auch leichter übernehmen können, weil sie ihren Kräfteschwund nicht registrieren. |
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Von Ritalin zurück zum Selbst Nach durch die Hilfestellung von Ritalin in überaus strukturiert und rationalisiert erlebten Zeiträumen gemachten "unidentischen" Erfahrungen und Leistungen kommt dann irgendwann wieder der Übertritt in die gewohnten Strukturen einer weitschweifigen Identität, der alles vorläufig und zufällig erscheint.. Das ist immer eine gewisse Härte, weil hierbei eine Wandlung im Erleben vor sich geht, die mitunter mit totaler Desorientierung und Aggression verbunden ist. Eine Phase beginnt, in der man sich immer dümmer und kraftloser vorkommt, depressiv oder aggressiv wird, sich schnell noch nach Sicherheiten und Garantien umschaut und versucht, einen euphorischen Gedanken zu fassen. Dies dauert bei länger durchlebtem Streß mehrere Tage, bis man alle leider ungedachten Fragen an das ADDer-Leben wieder vor sich aufgeblätter findet. Das kennt der ADDer sowieso, daß nach jeder konzentrierten Leistung die Panik auftaucht, was man alles nicht gemacht oder bedacht hat und die übelsten Konsequenzen ins Haus stehen. Meist liegt man dann länger wach und sinniert über ALLES. Über alles zu sinnieren (boshaft: grübeln) ist ja ein bekannter Hypie-Faktor und alle mit Ritalin zweckmäßigerweise ausgeblendenten ADD-Lebens-Fragen kommen zurück und wollen Antworten haben. Erst wenn man hier (nach "lass-mich-bloß-in-Ruhe" und Wut über alle Störungen) durch ist, ist man wieder identisch und überfordert sich auf Hypie-Art, indem man den Versuch wagt, universelles Verständnis für alles und jedes zu leben. Das Potential dafür hat der Hypie nach seinem Verständnis ja ... kicher. Den "Rebound" - so nennt man den Übergang von Ritalin-Ich zu ADD-Ich - zeichnet eben diese aggressive Orientierungssuche aus, daher geben manche Mediziner Ritalin bis zum Einschlafen eine Menge, die diesen Wechsel ausschließt. |
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Anders als Ritalin Es gibt Mittel, die die unterbewußten, "irrationalen" Seiten einer Person einblenden und Einsichten in unglaubliche Potentiale der angeblich "unlogischen" Strukturen erlauben, die sonst überhaupt nicht erfahrbar wären. Diese meist in unserem Kulturkreis nicht erhältlichen "Medikamente" gehen anders vor und senken (anders als Ritalin) die allgemein anerkannte "Leistungsfähigkeit" zugunsten der innerlichen Eigenwahrnehmung und intensiver Körpergefühle, die im Alltag schlechthin bekannt sind. Mancher "Patient" spürt unter dieser Wirkung jede Verspannung dort wo sie ist und bemerkt, daß diese körperlichen Verkrampfungen und Verspannungen Signale aussenden, die sonst von der Wahrnehmung nur als unerfindliche Belastung, Druck oder Angst gemeldet werden. Eine andere, auch "unidentische" Erkenntnis über den eigenen Zustand kann erfolgen, anders als Ritalin, wird hier nicht die Außenwelt mit Funktionalität bedient, sondern die Innenwelt und der Körper mit impulsiver und intuitiver "Irrationalität" . Auch durch diese Manipulationen wird wieder etwas ausgeblendet - die permanente gedankliche Anstrengung des ADDers, der auf der Suche nach Sicherheit und Überblick am falschen Ort ins Leere geht. |
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Unidentisch mit sich Es kostet "unidentisch" zu sein, aber es ist nur durch diese Kosten möglich, sich verschieden zu erfahren und zu erkennen, wie die Welt gleichzeitig sein kann. Das macht dem Hypie anfangs immer wieder Angst, weil immer wieder die Kosten des Übergangs (Desorientierung, Verwirrung) zu zahlen sind. Viele Ratgeber sagen, Hypies sollten Ritalin zumindest für eine Zeit nehmen, um zu erfahren, wie durch Bevorzugung des eher rationellen Potentials ihr Alltag sich ändert. Ihre teilweisen Defizite werden dadurch klarer erkannt und können besser eingeordnet werden.
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Begleiter für das Wechselbad Leider fehlt es im Alltag an geübten Wegbegleitern, die einem Hypie zur Seite stehen und die Wechsel verständlich machen, die dieser durchläuft. Wenn Eltern ihrem Kind Ritalin geben, dem Kind aber die unterschiedlichen Erlebenswelten nicht erklären können, findet da etwas sehr Einsames statt. Dies halte ich dann für bedenklich. Das Pendeln zwischen dem ADD-Ich und dem Ritalin-Ich müssen einem Kind auch behutsam erklärt werden. |
Hypies Berlin © 1998