Hypies Alltag

Und dann noch die - Apothekerin ...

29.03.2000 - Wir leben nicht in der Wildnis. 

Nee, wir haben gleich drei Apotheken um die Ecke, aber wir bestellen immer grundsätzlich und aus Überzeugung unser Ritalin bei der Apotheke, wo sie es grundsätzlich und aus Überzeugung nicht auf Lager haben und auch nicht auf Lager haben wollen.

Also geht der Hypie heute gleich 2 x 120 mg (6 Packungen) abholen. Die schiere Provokation für unsere Lieblingsapothekerin: Die Kurpackung für die ganze Familie und bitte in Geschenkpapier einschlagen. Klar, die müssen irre sein.

Aber nicht doch, wozu hat man eine Apotheke, die sich schwer tut, Ritalin- Verschreibungen einfach nur einzulösen, sondern ihren Teil zur Verwirrung beitragen wird, die viele Eltern nach ausführlicher Diagnose und Beratung durch einen Fachmann hinter sich zurückgelassen zu haben meinten. 

Nee, wir haben eine Apotheke, wo ältere Damen in ihrer weißbekittelten Wichtigkeit die ahnungslosen und verirrten Eltern über die Schädlichkeit der verschriebenen Pillen aufklären müssen. Diese Apotheke ist uns die liebste, anders ist langweilig. Es kann beginnen.

Klingeling, ein Kunde betritt nachlässig gekleidet die Apotheke und präsentiert den Abholzettel - hier bitte, ich hole den Berg Ritalin ab. Die Apothekerin kennt den Hypie noch nicht und so beginnt  die Gratis-Vorstellung, wie aus dem Drehbuch.

Geräuschvolles,  endloses Kramen im Hinterzimmer. Apothekerin kommt dann mit einem Klarsichtbeutel voller Ritalinschachteln und einer leidenden Sorgenmine kopfschüttelnd zum Kunden: "Wissen Sie, dass man dieses Ritalin seit Jahren nicht mehr verschreibt - es gibt doch inzwischen bessere Lösungen...!!!" 

Volltreffer - also Springer auf D4.

Hypie, ungläubig: "Naja, sie kennen ja unsere Familie nicht. Wirklich, bessere Lösungen? Was gibt es denn da?"

Apothekerin: "Na Ritalin ist doch keine Lösung. Wer verschreibt denn so was?" - setzt die Brille auf, guckt inquisitorisch auf die Verschreibungen, sucht den Namen des Übeltäters - so entstehen Gerüchte über Ärzte, die Ritalin verschreiben,  auch in der Apotheke.

Hypie, besorgt und nachdrücklich: "Was wäre denn eine bessere Lösung?"

Verkäuferin: "Na es gibt jedenfalls bessere Lösungen - Ritalin wurde vor 30 Jahren auf den Markt gebracht, inzwischen gibt man das nicht mehr."

Nein, wirklich: "Mein Arzt hat es verschrieben, was ist daran falsch?"

Antwort: "Ritalin gibt man doch nicht mehr. Es erzeugt Abhängigkeit und was wollen Sie denn tun, wenn das Kind nur diese Lösung hat, wollen Sie das Ritalin immer weiter geben? Es lernt doch nichts durch Ritalin..."

Kunde, leichthin: "Wäre doch eine Möglichkeit, man hört, dass auch Erwachsene Ritalin nehmen. Gucken Sie halt mal auf die Verschreibung, die Hälfte ist für mich. Ich habe auch nicht die Erfahrung gemacht, dass mein Kind verrückt nach dem Stoff wäre. Mir schmeckt es übrigens etwas bitter, muss das sein?"

Apothekerin: "Es gibt viele Lösungen und ich kenne viele Kinder, die späterhin auch ohne Ritalin noch ruhiger geworden sind."

Hypie erinnert sich: "Ich habe als Kind auch kein Ritalin bekommen, aber jetzt nehme ich welches. Ich kann mich besser konzentrieren damit. Es hat etwas mit dem vorhandenen Focus zu tun, der immer soooo riesig ist" - macht mit beiden Armen einen großen Kreis - "mit Ritalin verengt sich die Aufmerksamkeit auf die Aufgabenstellung des Alltags" - zeigt einen ganz itzi-bitzi-kleinen Kreis - "Ich muss ganz kleine Texte lesen, da kann ich mit diesem Focus" - zeigt mit rudernden Armen wieder einen noch größeren Kreis - "nichts anfangen."

Eine kleine Schlange wartender Kunden bildet sich hinter dem Hypie. Aber der ist unbeirrt: "Ich würde wahrscheinlich sogar davonlaufen, kleine Texte sind eben nicht recht überzeugend. Hab mir schon eine Lesebrille gekauft, aber dann sind ja da noch die Ohren" - zeigt einen riesengroßen Ohren-Kreis, so dass die wartenden Kunden beiseite treten müssen - ", und die abschweifenden Gedanken" - macht flatternde Bewegungen mit den ausgebreiteten Armen - "und nix wird fertig. Darum kaufe ich bei IHNEN dieses hier. Meinen Sie, dass Ritalin eine Droge ist ...???""

Irritierte Kunden werden nun schnell abgefertigt, der Hypie hat keine Eile, sondern nur Spaß. Er kann warten.

Die aprobierte "Drogenverkäuferin", nachdem der Laden wieder leer ist: "Für Kinder gibt es jedenfalls andere Möglichkeiten, die Eltern wollen sich halt mit dem Ritalin entlasten. Natürlich nerven diese Kinder, ich kenne das. Aber es gibt auch Internate, wenn die Eltern nicht mehr können."

Hypie erschrocken, während weitere Kunden hereinkommen und zwischengeschoben werden, laut: "Ich soll mein Kind in ein Internat geben, weil es sich nicht steuern kann, statt dieses Medikament zu verabreichen, dass der Arzt verschrieben hat."  

Dann etwas leiser, als der Laden wieder leer ist, am Ball bleibend : "Ich habe gehört, dass Ritalin positiv auf die Selbststeuerung wirken soll. Kinder sollen dadurch in die Lage versetzt werden, ihre Impulsivität kontrollieren zu können und grad dadurch bessere Erfahrungen machen können. Wissen Sie, diese Kinder sind nämlich mitunter schrecklich aggressiv und explosiv."

Die Verkäuferin, etwas genervt: "Wie ich schon sagte, es gibt andere Lösungen, dass muss wirklich nicht sein. Aber wie ich sehe, haben sie sich ja schon entschieden." - hat es plötzlich eilig, wendet sich den Kunden zu.

Aber der "Kunde Hypie" fühlt sich noch nicht ausreichend beraten. Gute Zeit, eine längere Diskussion über Neurotransmitter anzuzetteln und ob Ritalin nun dopaminerg oder noradrelinerg wirkt, was ja zu dem Wissen einer Pharmakologin gehören könnte. Apotheker sollen ja beraten und aufklären. Weiß sie aber nicht. 

Und da sind ja schon wieder Kunden, die ihren Hustensaft und die Rheumabäder wollen. Kein Problem, wir können auch anders. Hypie erzählt kurzerhand etwas aus dem Leben der Familie, Desaster und frohe Stunden. Über Tourette Syndrom und anhängiges Verhalten im allgemein. 

Apothekerin: "Ich muss noch etwas tun, ich glaube sie haben ihre Meinung zu Ritalin schon abgeschlossen."

Kein Hinderungsgrund. Es gibt ja noch dies und das, was sie bestimmt interessieren würde. Waren die Hypies nicht neulich erst in Westdeutschland und haben die positive Wirkung einer Veränderung eines Schülers erlebt, der seit Monaten und dann konkret auf der Abschussliste stand und nach einer korrekten Einstellung plötzlich "einen Wandel um 180 Grad gemacht hat", so das die Lehrer plötzlich einen hochintelligenten Schüler vorfanden und voll des Lobes waren?

Hypie abschließend: "Ich finde, solche Erlebnisse wirklich spannend. Haben Sie so etwas auch schon erlebt?" 

Muss man einfach drüber sprechen, während die Tür sich immer wieder öffnet, neue Kunden verunsichert herumstehen. Ein großes Thema, wenn es einmal angeschnitten wird. Kann ja nicht alles im Arzneimittel-Telegramm stehen, schon klar, aber dafür gibt es ja den Kunden, der alle Informationen geben kann.

Irgendwann hat der Hypie ein Erbarmen und erklärt plötzlich auf die Uhr schauend, überstürzt: "Na da haben Sie mich aber aufgehalten. Ich habe noch dringend was zu erledigen, wollte ja nur meine Bestellung abholen."

Die Apothekerin wendet sich erleichtert ab, während der Hypie seine Beute verstaut. Ende des ersten Aktes.

Muss man eigentlich für Ritalin nichts bezahlen? Dieser Gedanke kommt etwas später, als der Hypie zum Zeitungsgeschäft strebt und die neue "Psychologie Heute" (Heft 4/2000) kauft, wo treffliche Internetseite der Hypies kräftig erwähnt wird.

Und zurück zur Apotheke - manchmal schlägt der Blitz zweimal in die selbe Stelle ein: "Hallo, ich wollte doch noch mal reinschauen, hab was mitgebracht" - wedelt bedeutungsvoll mit der neuen Zeitschrift - "sozusagen als Schlussakkord zu unserem Gespräch, wollte ich ihnen doch noch etwas zeigen" - blättert geräuschvoll, während ein älterer Herr irritiert schaut, dann grinst.

Hypie liest nun die schönsten Passagen vor und klärt die Apothekerin auf, dass die dort erwähnten "Hypies" gleich neben ihrer Tür wohnen und zu ihren besten Kunden gehören werden. Aber was noch wunderbarer ist, ist die Ankündigung, dass die nette Unterhaltung im Internet zu lesen sein wird. Ist das vielleicht eine Überraschung!!!

Überglücklich und verlegen lächelt die nette Apothekerin, als der Hypie nach weiteren zehn anregenden Minuten ihren Laden verlässt.

Draußen überkommt den Hypie noch einmal der Zweifel, ob erwachsene Hypies nicht für solche Medikamente doch bezahlen müssen. Ach kenn sich einer aus, vielleicht geht das ja auf Krankenschein oder auf Kosten des Hauses.

Und - man sieht sich ja, wir kaufen mit Vorliebe dort unser Ritalin, während wir die teureren Medikamente bei der Konkurrenz besorgen (die Ritalin auf Vorrat hält, wie lahm). Aber da kommt man eben nicht auf seine Kosten.

Und sollten wir eines Tages kein Ritalin mehr haben wollen (wetterwendisch sollen diese Hypies sein), kann man dann  vielleicht mit der netten Apothekerin über Vorzüge und  Wiederverwendbarkeit von verschiedenen Kondomsorten sprechen oder was sonst so auch andere Kunden interessieren würde.

Vielleicht ist der Kenntnisstand der netten Apothekerin hierzu ein besserer. Am guten Willen zur Beratung scheint es ja nicht zu liegen.

Irgendwie haben wir es gut getroffen hier. Wir leben schließlich nicht in der Wildnis.

Eure Hypies

04/2000