Hypies Fernweh
![]() |
1925: Ein schwäbischer Outlaw in Südamerika von Dr. Hans Krieg aus dem Buch |
|
Es gibt in meiner württembergischen Heimat einen Ort, von dem man sagt, von dort seien die Seeräuber her. Tatsache ist, daß die Leute dort eine gewisse Wildheit an sich haben, die sie leicht mit den Gesetzen in Konflikt bringt., die aber auch die Ursache ist, daß besonders viele von ihnen im großen Krieg ihr Leben gelassen haben oder mit außergewöhnlichen Auszeichnungen zurückgekehrt sind. Vielleicht ist es auch kein Zufall, daß dieser sonst recht unbedeutende Ort zwar wenig Reichtum, dafür aber einen vortrefflichen Fußballklub sein eigen nennt, dessen Gründungsjahr bis weit in jene Spießbürgerzeiten hineinreicht, da es noch als höchst proletenhaft und unfein galt, diesem draufgängerischen Spiel zu huldigen. Von dorther stammte der Mann, von dem hier die Rede ist. Seine Unruhe, seine Hemmungslosigkeit und, wenn man so will, sein von keiner Phantasie gezügelter Mut, waren Erbteile jenes rätselhaften Urahns, der in so vielen seiner engeren Landsleute auch heute noch sein unsolides Wesen treibt. Es war im Oktober 1925. Ich hatte mit meinen wenigen Begleitern einige Tage zuvor den weiten Ritt durch den Gran Chaco begonnen. Über den noch winterlich gelben Savannen und den graugrünen Wipfeln der Fächerpalmen flimmerte die heiße Luft. Wir ritten unserer Tragtiere wegen in einschläferndem Schritt, hörten kaum noch das Kreischen und Schreien der Papageien und das Lachen der Goldhalsspechte, deren junge Bruten in den hohlen Palmstämmen meckerten und tschilpten. Es war heiß und langweilig. "Ein Reiter!" sagte da einer von uns. Ein Reiter? - Richtig, dort vorne zwischen den Palmen tauchte ein Reiter auf. Was wollte der hier? Vor uns waren kaum noch Siedler in der Wildnis: ein vorgeschobener Viehposten, ein Schweitzer, der mit einer Halbindianerin lebte, und ein kleines Dorf. Das wußten wir. Er kam auf uns zu. Auf einem alten, dürren Maultier saß er und zog ein müdes, verbrauchtes Pferd hinter sich her. Lässig, aber kraftvoll ritt er, ohne Sattel und Bügel. Dem Reittier war statt des Zaumzeugs ein Strick durchs Maul gezogen. Hose und Hemd des Mannes waren zerrissen und verrieten kaum noch die ursprünglichen Farben. Das Hemd war offen bis zum Gürtel. Unter einer scheußlichen Sportmütze quollen schwarze, etwas gelockte Haare hervor (fast alle rechten Abenteurer haben mehr oder weniger gelockte Haare). Das Gesicht, tiefbraun, fast wie das eines Tobaindianers jener Gegend, war hager und kühn, durch lange Bartstoppeln entstellt. Der Blick der dunklen Augen war unruhig und argwöhnisch. Ich kann mit dem besten Willen nicht sagen, weshalb ich überzeugt war, das dies ein Deutscher, und zwar ein Süddeutscher sein müsse. Es lag über dieser Gestalt irgend etwas Gespanntes, Problematisches, das man bei Südeuropäern kaum zu finden pflegt und bei den Mischlingen erst recht nicht. Ich grüßte ihn auf gut schwäbisch. Er war gar nicht überrascht und fragte mich, ebenfalls auf schwäbisch, ob ich der deutsche Doktor sei, der durch den Chaco nach Bolivien reiten wolle. "Ja", sagte ich. Ob er mitkommen dürfe, fragte er. Da ich einen meiner Landsleute wegen einer alten Kriegswunde, die sich wieder bemerkbar machte, zurückschicken mußte, war ich nicht abgeneigt, versprach ihm aber nichts. Er müsse zur Mission Tacaaglé und eine Ersatzschraube für den Pflug des Schweizers holen. In drei Tagen könne er zurück sein. Er werde uns dann schon finden. Tatsächlich fand er uns. Mehr als sieben Monate lang ist er mit dann ein treuer Begleiter gewesen. Wild und gewalttätig war er, aber mutig und von einer unglaublichen Zähigkeit. Messer und Revolver saßen ihm locker, das merkte ich bald; ein Menschleben, auch sein eigenes, galt ihm nichts. Aber der ganze, manchmal etwas abenteuerliche Expeditionsbetrieb, besonders der Umgang mit den Indianern der Wildnis, machte ihm Spaß, und in manchen unangenehmen Lagen war er Goldes wert. In stillen Stunden am Lagerfeuer erzählte er manchmal von seinem Leben. Er tat das ganz ohne Eitelkeit, und manchmal schien es, als langweile es ihn, von diesen Erlebnissen zu reden, die doch wahrhaftig toll genug waren. Oft dachte ich dabei, wie schade es ist, daß solchen Burschen meist die Feinfühligkeit fehlt, ihr eigenes, auf uns so romantisch wirkendes Schicksal richtig auszukosten und bewußter zu erleben. Alles geht bei ihnen triebhaft und zwangsläufig vonstatten: Diebstahl, Mord, Flucht, Heldentum und Lumperei. Er war mit einem württembergischen Infanterieregiment im Felde gewesen. Und wenn auch militärische Disziplin nie seine starke Seite war und er oft in unglaublicher Weise gegen sie verstoßen hatte, so war er doch ein ganz ungewöhnlich ruhmreicher Unteroffizier gewesen. Fernpatrouillen hinter die feindlich Front, tollkühne Alleinbesuche im gegnerischen Schützengraben hatten ihm im Regiment das verschafft, was man eine "Extrawurst" nennt. Er hatte bald sämtliche für ihn erreichbaren Orden und Ehrenzeichen, schließlich auch Geldbelobigungen erhalten und war dem Armeeführer vorgestellt worden. Er hatte sich den Luxus erlauben können, den Appell zu schwänzen, den Urlaub zu übertreten und sogar einem Offizier in blinder Wut einmal den Säbel zu zerbrechen. Man wird sich nun nicht mehr wundern, daß er nach Kriegsende keineswegs einen bürgerlichen Beruf ergriff, sondern sich jenen Spartakisten anschloß, die das Unterste zu oberst kehren wollten. Er belud sein Gewissen mit einigen Menschenleben, wurde später bei einer kriminellen Unternehmung gestört, riß aus und fuhr nach mancherlei Irrfahrten als englischer Kohlentrimmer nach Montevideo, der uruguayischen Hauptstadt. Dort war einem kleinen Zirkus gerade der Mann abhanden gekommen, der allabendlich mit dem Motorrad die Todesschleife, das "Looping", zu fahren hatte. Er sprang für jenen ein und fuhr schon am ersten Tag die Todesschleife gegen ein mäßiges Honorar. Der Zirkus reiste nach einigen Wochen auf dem Fluß bis zu der paraguayischen Hauptstadt Asunción. Und weil es doch auf die Dauer langweilig ist, Tag für Tag die Todesschleife zu fahren, versuchte er es mit einer etwas gewaltsamen, nicht gerade lobenswerten Methode des Gelderwerbs, wobei er einmal das Pech hatte, einen Schutzmann erschießen zu müssen. Es gelang ihm aber, wie er sagte, "den Frack zu lupfen", also auszureißen; nach ein paar Tagen einsamen Urwaldlebens brachte ihn ein braver Mann, dem er den Revolver unter die Nase hielt, auf die andere Seite des Paraguayflusses, und zwar auf argentinisches Gebiet. Dort trafen wir ihn dann. Vieles von diesen Erzählungen konnte ich später nachprüfen, und ich stellte dabei fest, daß alles noch viel abenteuerlicher und schlimmer war, als es der Gute mir erzählt hatte. Ich will diesen Mann nicht reinwaschen von seinen Sünden. Er war ein toller Bursche, dem nichts heilig war. Aber ich muß doch sagen, daß ich ihm nicht wenig verdanke. Er schien mir manche Wünsche von den Augen abzulesen. Wenn es zum Beispiel galt, Indianergräber zu untersuchen, was nicht so ganz ungefährlich war, dann war er mit Feuereifer dabei. Charakteristisch für ihn war seine Art, Spanisch zu sprechen. Er war auch darin ein Draufgänger, sprach sein schwäbisches Privatspanisch durchaus fließend und sicher und erklärte jeden für einen Trottel, der ihn nicht gleich verstand. Statt "nutria" (Sumpfbiber) sagte er er zum Beispiel "nuschdria" und blieb unerschütterlich dabei. Als ich mit meiner Expedition den Chaco durchquert und eine Siedlung am Fuß der bolivianischen Anden erreicht hatte, mußte ich ihn leider abbauen. Denn er begann sofort sich zu betrinken, entwickelte sich zum Revolverhelden und hätte meine Expedition leicht in schlechten Ruf bringen können. Ich war doch froh, als die Trennung friedlich vollzogen war. Meine Expedition wandte sich weiteren Aufgaben zu. Er selbst ist, wie man mir berichtet hat, bald nachher wieder in den Chaco gegangen, um "Nuschdrias" zu fangen; er ist nie wieder aus den Sümpfen zurückgekehrt. Gewiß, er war in unserem Sinne eine defekte Persönlichkeit. Aber sein Schicksal zeigt, daß auch solche Leute etwas wert sein können, wenn sie das Glück haben, vor entsprechende Aufgaben gestellt zu werden. Leider kann ich seine schönsten Husarenstücke nur im engsten Freundeskreis erzählen. Sie ertragen nämlich durchaus keine Druckerschwärze. * * * |