Hypies Leihbücherei
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Herrgott, Jim, dachte ich mir, jetzt mach aber mal nen Punkt. Ich bin grade mal dreizehn. Ich habe keine Ahnung, was ich heute Mittag tun werde, geschweige denn in fünfzig Jahren. Ich zuckte mit den Achseln und sagte die Wahrheit. "Scheiße, ich weiß nicht, was ich tun möchte." "Das ist gut." Er schien mit der Antwort zufrieden. "Einen Moment lang klang es so, als hättest du den Rest deines Lebens schon verplant. Wäre ziemlich langweilig gewesen. Wie kommst du mit deinen Lehrern aus? Mit deinen Eltern wohl nicht so gut." In Duke´s Coffee Shop erzählte ich an einem warmen Dienstagmorgen im Februar 1967 Jim Morrison meine Lebensgeschichte, wobei ich mich auf die letzten zwölf Monate konzentrierte. Ich schien ständig Ärger zu haben, erzählte ich ihm. Alles, was mir gefiel, brachte mir immer Schwierigkeiten ein. Früher oder später kam immer einer an und sagte: "Das ist jetzt verboten." So war es mir mit meinen Tieren ergangen. Und mit dem Catchen. Ich hielt inne. "Und jetzt wollen sie mir den Rock´n´Roll wegnehmen." Es machte mich wirklich traurig. "Außerdem wollen sie, daß ich zu 'nem Arzt gehe und mir Pillen verschreiben lasse, die mich müde machen sollen. Ich weiß nicht, was ich tun soll." Er wirkte interessiert. "Weißt du, ich glaube, irgendwo muß es ein ungeschriebenes Gesetz geben, das besagt:>Laß deine Kinder auf keinen Fall so werden, wie sie sind.< Ihr Ziel ist es, einen seelisch zu brechen. Im Süden, wo ich herkomme, geben sie das offen zu. Ist man erst seelisch gebrochen, bleibt Raum für Gott und ihre Vorschriften." Er überlegte kurz. "Was für Pillen sind das denn?" Ich erzählte ihm, was ich wußte. Man hatte gesagt, daß ich hyperaktiv sei; ich hatte viel Ärger in der Schule. Meine Lehrer sagten, meine Eltern müßten etwas dagegen unternehmen. Mom hatte heute einen Termin in der Schule, um zu besprechen, was mit mir geschehen sollte. Ein Arzt hatte ein Medikament namens Ritalin vorgeschlagen, das eigentlich ein Aufputschmittel war, auf hyperaktive Kinder aber aus bestimmten Gründen eine beruhigende Wirkung hatte. Solche Kinder leiden unter einer angeborenen Überproduktion des Schlafhormons, und um diese ständige Müdigkeit zu neutralisieren, entwickeln sie einen unterbewußten Abwehrmechanismus, der es ihnen ermöglicht, aufmerksam und wach zu bleiben. Diese Abwehr zur Kompensation der Müdigkeit äußert sich in extremer Aktivität und der Unfähigkeit, stillzusitzen oder den Mund zu halten. Ritalin verlangsamt die Produktion des schlafauslösenden Hormons und beseitigt den Anlaß des Abwehrverhaltens. Morrison hörte zu und wurde wütend. "Das ist doch Scheiße! Jetzt hör mir mals gut zu. Laß das nicht mit dir machen. Nur weil du nicht in ihr System paßt und ihre Erwartungen enttäuschst, wollen sie dich innerlich zerbrechen und so verbiegen, bis du da reinpaßt. Das ist Scheiße. Laß dich nicht an die Leine legen. Du hast einfach viel Glück, viel Energie zu haben. Laß nicht zu, daß sie das mit diesen Scheißpillen abtöten. Sei einfach du selbst. Mein Gott", sagte er zu dem Mädchen, "das darf doch nicht war sein!" "Aber..." stammelte ich, "aber was ist, wenn man gar nicht weiß, wer man eigentlich ist?" Ich hatte Morrison beeindrucken wollen, und jetzt war ich auf dem besten Weg, einen Vollidioten aus mir zu machen. Ihn kümmerte das einen Scheiß. "Kein Kind in deinem Alter weiß, um was es eigentlich geht. Aber du kommst schon noch dahinter, ganz bestimmt", ermutigte er mich. "Du darfst dir nur keine Grenzen setzen. Das ist der Weg zur Erkenntnis. Man muß alle möglichen Erfahrungen sammeln und herausfinden, in welcher Beziehung man zur Welt steht, und mit der Zeit bekommt man dabei ein klareres Bild von sich selbst. Aber laß dich von niemand ändern. Bestehe auf der Freiheit, alles wenigstens einmal auszuprobieren. Setz dir keine Grenzen. Glaubst du, du schaffst das?" "So habe ich es schon mein ganzes Leben lang gemacht!" rief ich. "Schön, dann hör jetzt bloß nicht damit auf." Zum Aufhören ist es jetzt zu spät, dachte ich bei mir. *** Danny Sugerman nimmt aber dann doch Ritalin, als die immer größeren Probleme ihn in die Enge treiben. Hier noch ein Auszug: Meiner Meinung nach lautete die Frage nicht:>War ich hyperaktiv oder nicht?<, sondern vielmehr: >Hatte ich damit alle vom Hals?< Der Arzt erklärte mir, Ritalin könnte die Symptome kurieren, aber nicht alle meine Probleme für mich lösen. Es kam ganz darauf an, wie man die Probleme definierte. War das Problem eine Verbesserung meiner Leistungen in der Schule, dann funktionierte Ritalin. Wenn das Problem Clarence (fieser Stiefvater) war, nun auf ihn hatte Ritalin keinen Einfluß. Es verbesserte jedoch meine Konzentrationsfähigkeit; ich konnte länger stillsitzen. Besser leben durch Chemie, das war damals die Devise. Ich muß zugeben, ich war ganz schön beeindruckt. Eine kleine Pille, und fast über Nacht änderte sich so vieles. Meine Noten wurden in allen Fächern besser (einschließlich Mitarbeit und Verhalten). Die Lehrer waren von dem >Experiment< in Kenntnis gesetzt und gebeten worden, mir noch eine Chance zu geben und sorgfältig auf alle Veränderungen an mir zu achten. Sie waren von der Wirkung überrascht und berichteten, daß sich mein Verhalten auf wundersame Weise gebessert hatte. Ich nahm ihr Lob gelassen hin. [....] Alles war in schönster Ordnung. Zur erstenmal in meinem Leben erledigte ich regelmäßig meine Hausaufgaben. Die Schule fiel mir leichter. Die Doors erlaubten mir, ihnen bei den Proben zuzuhören, was jedesmal der Höhepunkt meiner Woche war. Wenn sie nicht arbeiteten oder Auftritte außerhalb der Stadt hatten, ging ich zu Evan. Mit Hilfe von Ritalin konnte ich die Schule und meine außerschulischen Aktivitäten ohne Probleme unter einen Hut bringen. Alles entwickelte sich so gut, daß es fast zu schön war, um wahr zu sein. Das Leben war schön. Sogar Clarence konnte mir nicht die Laune vermiesen. Mit freundlicher Genehmigung des Maro Verlages, Augsburg** ISBN 3-492-11730-9 - Verlag R. Piper GmbH & Co. KG, München ***
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