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SCANS
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Was sehen wir auf PET-Scans?

Wir sehen jeweils einen Momentaufnahme aus dem Gehirn, der bestimmte, ausgewählte Aktivitäten anzeigt. PET-Scans besitzen die Qualität, zu überzeugen. Sie sind bunt, sie sind jeweils auf eine Aktivität reduziert, sie simplifizieren etwas, das dadurch nachhaltig Wirklichkeit wird.

Wie bei der neuerlichen Entschlüsselung der DNA muß man sagen, daß die Forschung gerade mal das Alphabet des Lebens vor sich liegen hat, jedoch aus der DNA nicht den Roman des Lebens eines Individuums herauslesen können wird. Man kennt Bausteine und Reaktionen. 

Einen bestimmten Gedanken wird ein PET-Gerät nicht lesen oder wiedergeben können. Es geht nur um festgelegte Grundmuster und grundlegende Abweichungen von der Norm, die sich erkennen lassen.

Die Frage ist bei den exakteren Abbildern einer bestimmten Aktivität auch, wie aus dem Dauerfeuer der Synapsen und der gleichzeitigen Ereignisse im Gehirn (es arbeitet stets bereichs-übergreifend und nimmt z.B. die Umwelt war, während es es über eine Frage grübelt und eine Antwort aussprechen lässt) diese gewünschten Ereignisse herausgefiltert wurden, damit diese bestimmte isolierte Aktivität sichtbar wird.

Wer auswählt, trifft eine Entscheidung, was er zu finden beabsichtigt. Unter Umständen sehen wir also jeweils das, was jemand uns zeigen will, weil er dort Ergebnisse erwartet und sie anschließend (durch selektive Reduzierung auf die ihm wichtigen Elemente) auch gefunden hat.

Selbst die vom untersuchten Kandidaten gefühlte Atmosphäre beim PET-Scan (Zustimmung, unbewußte Ablehnung, Unsicherheit, Blockaden) gibt ein bestimmtes Bild, das man mit einer Momentaufnahme fixiert.

Das Problem mit der Norm

Der Vergleich dieser isolierten Elemente mit einer sogenannten Norm ist nicht immer schlüssig, denn wir funktionieren jeder unterschiedlich und haben unterschiedliche Strategien, unsere unterschiedlichen Ensembles zu aktivieren. 

Der eine sieht Dinge vor sich, der andere hört die Dinge beim Denken, ein weiterer fühlt vornehmlich, wenn er sich an etwas erinnert.

Jede dieser Personen dürfte unterschiedliche Aktivitäten beim Lösen von Aufgaben besitzen. Wer ist nun der Maßstab für wen?

Die Plastizität des Gehirns

Der Forscher am PET-Gerät  sieht einen kurzlebigen  IST-Zustand ausgewählter Bereiche des Gehirns und zieht seine Schlüsse. 

Noch wenig wird über die "Plastizitität des Gehirns" zu erfahren, diese Fähigkeit des Gehirns, sich durch Erfahrungen und Anforderungen zu formen.

Gerade die Untersuchungen von Kindern, die eine traumatische Kindheit (Neurologe Harry Chugani über rumänische Waisen) hatten, beweisen, dass Hirnbereiche sich durch Erleben verändern und durch Therapien wiederum verändern lassen. 

Wer zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmte Minderaktivität findet und hier nur organische Schäden sucht wird der Wirklichkeit nicht gerecht. 

Der Mensch ist von seiner Umgebung nicht abzutrennen, ein emotional oder kognitiv gestörter Mensch ist nicht in jedem Fall lediglich ein Materialfehler der Natur. 

Das Störungskonzept als Ausgangspunkt der Suche

Das medizinische Konzept von ADHD als ausschließlich eine Störung des Gehirns, besteht nunmehr seit vielen Jahren und hat viele Änderungen durchgemacht, als Ursache aber stets hirn-organische Schäden benannt.   

Die zur Zeit gültige Antwort der Medizin auf die Frage nach den Ursachen des ADD klingt für den Laien plausibel: Es handelt sich nach Ansicht der Mediziner um eine durch ein Ungleichgewicht der Hirnbotenstoffe (Neurotransmitter) bedingte zentrale Kontrollstörung.

Nach neueren Theorien ist beim ADD der Frontallappen betroffen, der als Sitz der Selbstkontrolle eines Menschen gilt. „ADD ist eine Störung der Inhibition“, ein bestimmter Neurotransmitter steht natürlich im Vordergrund, es ist der selbe, der auch für weitere grundverschiedene Erscheinungen genannt wird: DOPAMIN.

Immer wieder Neurotransmitter

Dopamin, das spielt auch bei der Parkinson Erkrankung eine Rolle. Dort wird in der substantia nigra zuwenig Dopamin produziert, der Körper wird steif, Bewegungen frieren ein, die Glieder werden zitterig und die Körperhaltung wird schwer steuerbar.

Schon sprechen Fachleute populär und geflügelt über  ADHD als quasi "Reverse-Parkinson": Zu viel Bewegung, weil zuviel Dopamin. 

Wie einfach. Wie falsch und vorlaut. Wo nachzulesen: Xavier Castellanos auf den Seiten des CHADD (www.chadd.org) unter "Approaching a Scientific Understanding of What Happens in the Brain in AD/HD".

Dabei haben die Forscher ganz nebenbei schon etwas gefunden, was wir für unsere eigenen Sichtweisen gebrauchen können (abnehmende Dopaminkonzentration mit zunehmendem Alter, verspätete Reifung), aber hierzu fällt den Forschern wenig ein, da sie sich  weigern, die Lebensbedingungen der "Patienten" als mitgestaltende Größe wahrzunehmen.

Das ist leider auch banal: 

Dopamin steht schon bei der Schizophrenie, dem Tourette-Syndrom und so weiter als Ursachen-Erklärung bereit. 

Erhalten wir doch von Medizinern immer wieder einen Überschuß oder Mangel der Neurotransmitter Dopamin, Noradrenalin und Serotonin angeboten, der in nahezu allen Fällen von "psychiatrischen Erkrankungen" als konkrete Ursache der jeweiligen Störung präsentiert wird.

Heinar Kipphardt schrieb in seinem Roman "März": "Der Psychiater weiß nicht, daß er den Fragen ausweicht, die der Schizophrene stellt, wenn er ihn mit einer Spritze Haloperidol zur Kapitulation zwingt. Die Schizophrenie ist für ihn dann Haloperidol-Mangelsyndrom."

Es ist unter diesen Umständen nicht falsch, die Ergebnisse der Forscher mit Interesse, aber auch mit einer grundsätzlichen Zurückhaltung zu verfolgen. 

Wenn sie uns sagen, dass sie noch wenig vom Gehirn als funktionelle Einheit verstehen, sollten wir dies ernst nehmen.

 

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07/2000