Hypies Therapie

Bobath - Therapie

Handling, Vierfüßlerstand und Bodenständigkeit
 
- ein Interview mit einer Krankengymnastin -

 

(Vorläufer eines "Handling" - "Die Frau als Hausärztin" von Dr. med. Anna Fischer-Dückelmann in 1905)

 

Vor zwei Jahren bekam ich unser zweites Kind. Caleb Leon Robin, den wir Calerob nennen. 

Zu meinem großen Erschrecken diagnostizierte der Kinderarzt eine frühkindliche Koordinationsstörung (Cerebralparese oder CP). 

 

Dieses Phänomen machte sich dadurch bemerkbar, daß der kleine Kerl partout

  • nicht nach der einen Seite schauen und auch

  • nicht an der einen Brust trinken wollte,

  • sich ständig durchstreckte (den Kopf zurückwarf) und

  • die Fäustchen gar nicht geöffnet bekam und 

  • nie die Arme hob.

Wenn nichts geschehen würde, wären die Folgen äußerst unangenehm - einseitige Körperausbildung, Krampfneigung bis hin zu eines Tages wohlmöglich leichten oder schweren Spastiken. 

Meinen neuen Kinderarzt schien das nicht sonderlich zu beeindrucken, er schickte mich kurzerhand zum Bobath (kurz für: Bobath-Konzept, bzw. -Therapie), was auch immer das sein mochte.

Aufgeregt und mit tausend Ängsten behaftet ging ich zum ersten Termin bei der Krankengymnastin, einer freundlichen älteren Frau mit wachen Augen und einem großen Wissen über Kinder und deren Entwicklungsstadien. 

Diese neurologisch geschulte Bobath-Therapeutin förderte hier neue Bewegungsmuster und bremste dort unpassende Muster der Motorik, bis nach zwei Jahren bei Calerob sämtliche Fertigkeiten in der Grobmotorik und damit auch der Feinmotorik in erstaunlichem Maße ausentwickelt waren. 

Calerob ist mittlerweile geschickter im Umgang mit Besteck als sein 8 Jahre älterer Bruder. Wer hätte dies nach diesem Start zu hoffen gewagt. Mittlerweile bin ich mit meinem dritten Kind bei ihr und ich wünschte, daß ich von ihr und von der Bobath-Therapie auch bei meinem ersten Kind hätte profitieren können. 

Mein Ältester zeigte als Kleinkind mehr oder weniger die gleichen Auffälligkeiten wie die beiden anderen. Meine frühen Beobachtungen wurden von den Kinderärzten nicht immer ernst genommen. Trotz mittlerweile erfolgter Ergotherapie der Grob- und Feinmotorik über drei Jahre, hat er weder seine Grob- noch seine Feinmotorik in den Griff bekommen können. Für ihn kam meine Begegnung mit dem Bobath-Konzept zu spät.

Aber nicht nur für hypertonische Kinder ist hier ein Weg aufgezeichnet, um im frühesten Säuglingsalter Fehlentwicklungen zu steuern. Auch viele hyperaktive Kinder bzw. Kinder mit ADS neigen dazu, Entwicklungsstufen zu überspringen, so lassen sie z.B. in vielen Fällen das Krabbeln einfach aus und beginnen gleich zu laufen. Auch sind sie häufig zu eilig und üben Bewegungsmuster falsch ein, später fehlt ihnen Grundsicherheit im Körperverhalten. Wir glauben, daß sie aus bestimmten Gründen früher bei den Älteren "mitmachen" wollen und sie dabei die Entwicklungs-Treppe zu eilig hinaufhasten. Ein frühzeitiges Bobath-Training bietet sich hier an, um zu bremsen und gezielt zu fördern.

Um Euch ein paar Einblicke in die Bobath-Therapie zu gewähren, habe ich Frau Bode (im folgenden als Krankengymnastin mit KG abgekürzt) gebeten, einen Artikel über ihre Arbeit zu schreiben, wobei sie den Wunsch äußerte, ein Interview daraus zu machen. 

So sei es!

* * *

Heidi: Ich rede hier die ganze Zeit von Bobath und keiner weiß eigentlich, worum es geht. Frau Bode könnten Sie uns kurz erklären, worum es sich bei Bobath handelt?

KG: Es ist über das Ehepaar Dr. Karel und Dr. Berta Bobath wegen ihrer enormen Verdienste viel zu berichten. Ich werde mich jedoch auf ein paar Informationen beschränken. Er als Neurologe und sie als Gymnastin haben ein therapeutisches Konzept erarbeitet, womit Abweichungen vom normalen Muskeltonus, die oft zur Spastik führen, behandelt werden, reguliert werden können.

Zuerst wurde dieses Konzept bei Erwachsenen angewendet, bei Patienten, die einen Schlaganfall erlitten hatten Später auch für Säuglinge und Kleinkinder, z.B. Kinder, die einen Sauerstoff-Mangel während der Geburt hatten und alle jene, die zur sogenannten "Risiko-Gruppe" gehören.

Ich bin in meiner Arbeit in Anlehnung an das Konzept Bobaths mit diesen Kleinsten bis etwa zwei Jahren beschäftigt. Eigene Erfahrungen mit Meditation, Chi-Gong, Kinesiologie, haben Einfluß auf meine Arbeit.

Ich bin in der Bobath-Methode ausgebildet, nicht aber in der  Vojta-Behandlung. Es gibt Krankengymnastinnen die beide Ausbildungen haben.

Welche Auffälligkeiten können denn überhaupt mit Bobath behandelt werden?

In der Kinderärztlichen Praxis bei den Vorsorge- Untersuchungen werden mögliche Auffälligkeiten gesehen. Aber auch die Eltern stellen ungleichmäßige oder steife Haltungen der Lage ihres Kindes fest - am Kopf, Armen, Rücken, Beinchen und sprechen dann mit ihrem Kinderarzt.

So helfen auch die Eltern bei der wichtigen Früherkennung, möglichst im ersten Halbjahr nach der Geburt des Kindes.

Der Kinderarzt oder auch auch eine Säuglingsfürsorge schreiben dann eine Heilmittelverordnung (HMV) für Krankengymnastik nach Bobath. Nun ist der Besuch bei einer Krankengymnastin, die nach Bobath ausgebildet ist, an der Reihe. Das ist z.Z. noch eine zusätzliche Ausbildung.

Wenn ein Kind nun solche Auffälligkeiten hat, wohin wendet man sich, besonders auch in Kleinstädten?

Es gibt Adressen-Listen über Krankengymnastik-Praxen die Bobath-Behandlungen übernehmen. Für Eltern auf dem Lande ist es leider umständlich, in eine Praxis zu kommen. In Kleinstädten wird eventuell in der Kinderabteilung des Krankenhauses die Behandlung angeboten.

Frau Bode, bei Ihnen habe ich immer zu schätzen gewußt, daß ich mein Kind nicht an der Tür abliefern sollte, sondern daß ich in die "Behandlung" aktiv einbezogen wurde. 

Was macht der Krankengymnast im Speziellen und sind die Eltern daran beteiligt?

Ja, ganz wesentlich: - Ohne die Beteiligung der Eltern ist die Krankengymnastin ganz isoliert. Gemeinsam, die Eltern (das können auch die Großeltern sein), das Kind und die Krankengymnastin bilden ein Team.

Wir sehen das Kind in verschiedenen Lagen genau an, betrachten es auch in seiner Bewegung und stellen dann fest, wo es einen Unterschied zwischen rechter und linker Körperseite, eine verstärkte Tendenz zur Streckhaltung oder auch zur Beugehaltung gibt.

Danach macht die Krankengymnastin einen Vorschlag, das Kind zu gezielt bewegen. Durch dieses Handling (Behandlung) wird es fähig, seine eingefahrene Lage zu verändern und zur spontanen symmetrischen Bewegung zu finden.

Das geschieht auf dem Schoß oder auf einer Matte am Boden, einer kleinen Rolle oder auf einem großen Ball. Gezeigt und im Einzelnen erläutert von der Krankengymnastin, geübt von der Mutter.

Einleuchtend für die Eltern ist es, eine Bewegung auch mal am eigenen Körper auszuprobieren, um zu spüren, worum es geht. Das mache ich mit den Eltern sehr oft, damit sie es selbst erfahren können.... [grinst dabei] - So lernen sie das Übungs-Konzept verstehen und zu Hause mit ihrem Kind zu üben.

Sehr wichtig ist der Kontakt mit den Eltern, der fortlaufende Austausch, das Berichten, wenn Entwicklungsschritte zu sehen sind und sie unterstützen. Diese Behandlung zieht sich meist über mehrere Monate hin, bis das Kind ein sicheres Gleichgewicht erworben hat. Das könnte zwischen dem zwölften und fünfzehnten Monat sein.

Gibt es nicht diese enormen Anforderungen an die Häufigkeit der Übungen? Es soll ja mehrere tausend Wiederholungen brauchen, um trainierte Bewegungen tatsächlich zu automatisieren.

Dies kann ich nicht bestätigen, denn in der Praxis sieht es anders aus. Die Mütter sind oft überfordert und wir wollen es ihnen ja möglich machen, die Übungen zu erleben, wie ein sorgfältiges Spiel mit dem Kind, das beiden Freude macht.

Es geht beim Kontakt mit den Eltern auch darum, die Eltern innerlich anzusprechen, denn wenn sie die Intensität bemerken und den fortlaufenden Austausch annehmen, werden sie bald erfahren, daß sich ihre Beteiligung lohnt.

Das fängt damit an - Reinkommen, Schuhe ausziehen und sich auf die Matte setzen. Eine große Distanz oder eine Schwellenangst gehen da bald fort.

Frau Bode stellt auch recht unangenehme Fragen, wenn man etwas falsch macht.

Ich sage manchmal zu einer Mutter, also nächstes Mal machen Sie Übung selbst oder wollen Sie heute schon mal etwas zeigen. 

Allerdings will ich den Eltern nicht bange machen, sondern sie motivieren und ermahnen, die Übungen wirklich aufmerksam zu verfolgen und auszuüben. Die Beteiligung der Eltern erfordert eben eine gewisse Kontrolle.

Was genau ist das - Handhabung, das Handling?

 

Unser deutsches Wort Behandlung können wir in etwa mit dem englischen Wort "Handling" gleichsetzen im Sinne von: Wie fäßt Mutter / Vater das Kind unterstützend an, beim Hochnehmen, Tragen, Baden und Füttern.

Sie werden das bei der Krankengymnastin üben, solange bis sie sich im "Handling" sicher fühlen, um es zu Hause täglich zu wiederholen. Oft werden die Eltern dabei auf gewohnte alte Tragweise und Haltungen verzichten lernen. Auch die übrigen Familienmitglieder werden informiert, was oft auf wenig Verständnis stößt, aber auch oft auf liebevolles Verständnis für das Kind in seiner Situation.

Nach einigen Wochen "Handling" stellen die Eltern fest, daß sie es jetzt leichter mit dem Kind haben. Ein sehr anschauliches Buch hierzu von Elke Lommel-Kleinert im Pflaum-Verlag: "Handling und Behandlung auf dem Schoß".

Und bis zu welchem Alter sind Bobath-Übungen sinnvoll einzusetzen?

Es ist auch mit etwas älteren Kindern bis ins Schulalter sinnvoll.

Und das wäre dann das Alter von 7 Jahren.

Genau. Ergotherapeuten (Beschäftigungstherapeuten) sind meistens auch im Bobath ausgebildet, das ergibt eine gute Kombination beider Behandlungsformen. Man muß nach Ergotherapeuten suchen, die auch Bobath können. Gute Kombination beider Behandlungsformen.

Es gibt ja auch noch die Vojta-Methode. Wo ist der Unterschied zum Bobath?

Der Bobath-Therapeut behandelt das Kind, in dem er das Kind vor sich hält und auf den Gesichtsausdruck zu achten. Nun entwickelt er das Handling, was beim Bobath einmal am Tag zuhause wiederholt wird. In der Voijta-Behandlung bin ich, wie gesagt, nicht ausgebildet.

Der Vojta-Therapeut legt das Kind vor sich hin und drückt auf bestimmte Punkte. Wie ich gehört habe, ist die Voijta-Behandlung sehr schmerzhaft und muß vier mal am Tag wiederholt werden. Vielleicht sollte man mit Bobath beginnen und wenn nach einem Vierteljahr keine Besserung bemerkt, kann man mit Vojta versuchen.

Wie ist das, wenn ich ein Kind habe, das die Grobmotorik nicht besonders gut beherrscht. Ist das ein Problem? Vielleicht ist es ja später feinmotorisch geschickter.

Was ist eigentlich mit dem Wort "Grobmotorik" gemeint? Das ist ein wenig anschaulicher Begriff. Ich sage lieber statt dessen: Die Stützfähigkeit der Arme, das eigene Gewicht zu übernehmen. Zuerst beginnt diese Fähigkeit in der Bauchlage, später kann das Kind sich auf einem Ball oder einer kleinen Rolle abstützen.

Dabei entwickelt sich die Sicherheit für den Vierfüßlerstand und daraus die erste Fortbewegung im Raum – das Krabbeln. In Erwartung dieser Entwicklung nenne ich die Arme scherzhaft "die kleinen Vorderbeine" - stabil und beweglich.

Mit einem Kind, das nur wenig Stützfähigkeit hat, läßt die Grobmotorik sich mit Geduld nachholen, damit es in diesem Stadium kein Defizit behält.

Das sind oft Kinder, die zu früh Sitzen gelernt haben, sie halten sich mit ihrem starken Rücken aufrecht im Sitz und lieben es gar nicht, auf ihre Seiten zu bewegt zu werden, um dabei ihre Ärmchen zum Stützen zu benützen. Sie hantieren lieber mit Spielzeug, das man ihnen hinlegt und trauen sich nicht, ihren Sitz zu verlassen. Hier schafft es "Handling" nach und nach, die Sicherheit der Grobmotorik nachzuholen.

Zum zweiten Teil ihrer Frage: ob es bei schwacher Grobmotorik später mehr fein motorische Geschicklichkeit entstehen würde? Diese Erwartung ist nur ein billiger Trost. Auf jeden Fall kann die Krankengymnastin immer wieder die Stützfähigkeit der Arme fördern.

Sie sagen immer "Wenn die Grobmotorik funktioniert, dann kommt die Feinmotorik auch rechtzeitig" -

Das sage ich immer noch ...

Frau Bode, ein Wort, von dem ich nachts bereits träume. Ist Bodenständigkeit. Was ist damit gemeint?

Die kleinen Hypertoniker sind wie kleine Äffchen, die hängen am Tisch, die Füßchen nicht am Boden. Dies ist ein Negativbeispiel für mangelnde Bodenständigkeit.

Mit Bodenständigkeit ist gemeint, daß der Kontakt zum Boden, zur Unterlage, dem Kind Sicherheit gibt. Das Kind lernt seine Auflagefläche kennen. Wir "handeln" das Kind so, daß es nicht plötzlich hochgehoben wird, nicht in die Luft geworfen wird, weil das möglicherweise seinen Muskeltonus verstärkt.

Beim Hochnehmen wird ja die Auflagefläche immer kleiner, bis das Kind dann auf dem Arm der Mutter landet und dort wieder sicher liegt. Diese Bewegung wird auch beim "Handling" geübt.

Später, wenn das Kind sich aufrichten kann, wenn es von den Knien hochkommt, drückt es sich mit einem Fuß vom Boden ab, bis zum Stand auf beiden Füßen auf der ganzen Fußsohle.

Manchen Erwachsenen dauert dies spontane Hochkommen zu lange. Sie ziehen das Kind an den Armen oder am Brustkorb gehalten hoch, damit es steht. 

Hier bedeutet "Handling" nur, Gewichtsverlagerungen anzuregen und etwas abzuwarten - bis das Kind lernt, sich alleine mit dem Halbkniestand hinzustellen, den Boden unter den Füßen zu finden.

Kann man sagen, daß jedes rasches Verlieren von Sicherheit zu vermeiden ist, weil sich dann der Tonus der kleinen Hypertoniker verstärkt?

Hypertonus ist einen Blockade der normalen Lernerfahrungen, kostbare Zeit wird mit blockierten Gliedern vertan - das spontane Erfahren kann einfach nicht stattfinden, wenn der Körper hypertonisch bleibt.

Man kann z.B. sogar ungewollt einen Strecktonus antrainieren, wenn man mit dem Kind plötzliche Bewegungen macht, zum Beispiel das Kind in die Luft wirft, ich sprach bereits eingangs darüber.

Eine sekundäre Schädigung wäre die anklingende mentale Enge, im Unterschied zu einem Kind, daß sich spontan und souverän bewegen kann.

Es gibt diesen Wettbewerb, dieses Gedrängel im Aufbau von Erfahrungen. Beispiel: Nehmen wir Lucie, die beim Krabbeln lieber die Ellbogen nutzen würde, was aber kräftemäßig mühsamer ist, weil sie nicht die Knie als zusätzliche Sicherheit einsetzt.

Es gibt diesen Wettbewerb. So konkurrieren neue und alte Bewegungsmuster miteinander, alte Muster wollen mitunter nicht weichen. 

Lucie wäre ein Beispiel für eine nicht ausgereifte Stützfunktion, wenn sie beim Krabbeln lieber die Ellbogen benützen würde.

Was passiert, wenn Kinder Entwicklungsstufen überspringen? Anfangs erwähnte ich, daß viele hyperaktive Kinder gerne gleich beginnen zu laufen und gar nicht erst anfangen zu krabbeln. Macht das etwas aus?

Ja, das wirkt sich für alle Kinder ungünstig aus, bei hypermotorischen Kindern besonders. Wir sprechen ja von Entwicklungsstufen, also Stufen in einer Reihenfolge und auf jeder Stufe erlebt und lernt das Kind etwas Neues für seine Entwicklung.

Beim frühen Aufrichten und Laufbeginn überspringt das Kind die Fortbewegung in der Horizontalen, das Krabbeln und versäumt auf leichte Art seinen Gleichgewichtssinn zu entwickeln.

Wenn die Tendenz dafür rechtzeitig gesehen wird und die Fehlhaltung nicht noch gefördert wird, etwa mit der Einstellung "Oh wie schön, mein Kind kann schon stehen" mit etwa fünf Monaten, läßt sich mit dem Bewegen des Kindes nach dem Bobath-Konzept die Entwicklung steuern.

Schwieriger wird es, wenn das Kind schon mit dem Laufen begonnen hat, denn wir können schwer etwas gegen den Willen des Kindes mit ihm tun.

Es wird diesen Schritt zurück zur waagerechten Stützhaltung mit Protest quittieren, denn es kann ja schon "mehr". Dabei sind die therapeutischen Bewegungen, die das Kind vorläufig noch vom "Stehen-wollen" ablenken angenehm. 

Hier verliert das Kind nichts von seiner eigenen Dynamik. Wir bieten ihm nur eine Verzögerung an, die ihm das Krabbeln doch noch möglich macht und damit das Einüben des Gleichgewichtes auf einer größeren Stützfläche leichter wird, als aus dem Stand heraus.

Ich sagen meinen Eltern immer, "Bitte stellen Sie sich einen Schuhkarton und einen Bierdeckel vor. Und nun sagen sie mir, auf welcher Grundfläche läßt sich das Gleichgewicht leichter finden oder halten."

Ein weiteres Schlagwort, das mir einfällt, ist das Überkreuzen der Körpermitte. Was hat es damit auf sich?

Zu Ihrem Stichwort: "Überkreuzen der Körpermitte" will ich zuerst das Bild von der Haltung des Kindes und der darauf folgenden Bewegung in Erinnerung bringen und hinzufügen, daß sich diese mit Hilfe von "Handling" einstellt.

Das Kind sitzt auf einem Tisch oder am Boden, die Beinchen leicht gebeugt. Jetzt wird sein Gewicht zu einer Seite verlagert z.B. auf die rechte Pobacke und die rechte Arm-Hand stützt sich zur Seite ab. In diesem stabilen Seitensitz ist die linke Hand frei zu greifen und zu spielen. Wir halten das Spielzeug zur rechten Seite hinüber, damit das Kind über seine Körpermitte danach greift. Das ist das Überkreuzen seiner Körpermitte. 

Danach kommt das Kind zurück zum mittleren Sitz, und dann erfolgt jetzt die gleiche Gewichtsverlagerung zur linken Seite mit Übergreifen des rechten Armes über die Mittellinie.

Dieses Übergreifen nach beiden Seiten schaltet beide Gehirnhälften ein. Für das spätere Schreiben- und Lesenlernen ist diese Fähigkeit wichtig. Paul und Gail Dennison haben ein paar Bücher für Eltern darüber geschrieben (Verlag VAK / Freiburg i.Br.).

Die Bevorzugung nur einer Hand zum Greifen wird sich jetzt noch nicht ausprägen, es zeigt sich aber schon oft, daß die rechte Hand die dominante sein wird. Und wenn dies stark der Fall ist, ist das Handling der Gegenseite angezeigt. Auf diese Weise werden die langen Muskeln rechts und links der Wirbelsäule zu gleichmäßiger symmetrischer Tätigkeit angeregt.

Und dann wiederum ganz wichtig beim Bobath: Immer auch die Gegenseite mitüben, das entspricht der Ausgewogenheit, die angestrebt wird.

 Wieviel Förderung ist für ein Kind gesund? Stehle ich ihm nicht die Kindheit, wenn ich ständig hier oder da korrigiere und es nicht selber machen und aus seinen Irrtümern lernen lasse?

Wenn Sie das "Handling" in den Tagesablauf integrieren, wenn Sie Ihr Kind beim Säubern hochnehmen, an- oder ausziehen, Tragen, Füttern so "handeln", dann haben sie schon viel getan! Sie brauchen das, was Sie bei Ihrer Krankengymnastin geübt haben und was jetzt zu Ihrem praktischen Wissen geworden ist.

Daneben reicht es, wenn Sie täglich ½ Stunde mit Ihrem Kind z.B. die Stützbereitsschaft, den Kniestand üben. Wir nennen es anbahnen, nicht zuviel davon und es dann in Ruhe zu lassen, aber hinschauen, was es in der Zeit danach oder am nächsten Tag selber macht.

Das Nachspüren und Registrieren, wie sich die spontane Bewegung ändert, gehört zu dem Übungsprogramm und bildet den Kontakt, wenn Sie das nächste Mal wieder bei der Krankengymnastin sind.

Wenn es eine Antwort zu Ihrer Frage gibt - ob also etwa das Kind aus seinen Irrtümern lernen könnte – würde ich sagen, für ein Kind gibt es keine Irrtümer. Es wird anfangs von seinen altersgemäßen Reflexen gesteuert, die im Laufe der Entwicklung weniger wirksam werden und den feineren Reaktionen Platz machen. Für ein Kind sind alle seine Bewegungs-Erfahrungen richtig!

Manches Kind fühlt sich auch in seiner unsymmetrischen Lage richtig. Daraus (diesem "Irrtum") erfindet es sich dann eine Fortbewegungsart, die aber seine unausgeglichene Muskelkraft weiterbestehen läßt.

Dazu ein Beispiel: Wenn die Stützkraft der Arme zu schwach geblieben ist, um den Vierfüßlerstand zu machen, das Kind vielleicht ein paar Mal aufs Gesicht gefallen ist, es sich aber fortbewegen will, dann rutscht es auf seinem Po durchs Zimmer, braucht dabei aber nicht die Arme zum Stützen und ist damit zufrieden, denn es kann jetzt sogar schon seine Spielsachen mitnehmen. Das Fachwort für diese Haltung heißt "Sitzrutschen".

Wir können aber nicht abwarten, bis das Kind aus seinen "Irrtümern" lernen würde, wenn wir ihm zur Weiterentwicklung Hilfestellung geben können. 

Mit Zuwendung und Verständnis, mit einem Miteinander zwischen Eltern und Krankengymnastin – übernimmt das Kind die angebotene Bewegung. Und es ist zu beobachten, wie es die neue Fähigkeit immer wieder wiederholt. Das ist, wie eine Belohnung für die Mutter nach dem sorgfältigen Üben, entzückend zuzusehen, wie die neue Fähigkeit von selbst geübt wird.

Was mich besonders beeindruckt (und auch die erste Zeit sehr verunsichert) hat, war, daß ich den Kopf des Säuglings niemals stützen sollte. 

Ich hatte immer irgendwie Angst, er bricht ab. Erzählen Sie uns etwas über "protection" und was das Kopfstützen bei Säuglingen auslöst?

Es gibt etwas Günstigeres, als den Hinterkopf des Kindes mit der Hand zu stützen (ausgenommen bei den ganz Kleinen). 

Wir unterstützen die Kopfhaltung durch das Auflegen unseres Daumens auf das Brustbein und einen Griff an der Schulter, wenn es sich zum Beispiel nach hinten durchbeugen will. Ein wichtiger Griff beim "Handling", der zwar etwas schwierig aussieht, aber gar nicht schwierig ist.

Während das Kind die Kopfkontrolle erlernt, braucht es nur etwas Absicherung, die dosiert werden kann, aber kein Abstützen des Kopfes, was beim Kinder unter Umständen eine Gegenreaktion auslösen würde.

Zum Beispiel ein Säugling mit erhöhter Muskelkraft in den Rücken- und anderen Streckmuskeln macht sich oft steif und liegt dann wie in einem rückwärtigen Bogen gekrümmt. Wenn dieses Kind eine Hand an seine Hinterkopf spürt, drückt es dagegen und verstärkt noch die Streckhaltung. Mit "Handling" versuchen wir, dem Kind aus dieser Lage zu helfen. Soweit zu der Frage, was das Kopfstützen bei Säuglingen auslöst. 

Jetzt noch kurz etwas über Protektion, was ja auch mit "Unterstützung" zu übersetzen ist. Aber ich nehme an, Sie meinen jetzt eher die innere Einstellung der Eltern zu ihrem Kind, als das konkrete Hantieren, aber beides fließt also praktisch zusammen.

Ab wann ist die Kopfkontrolle vorhanden?

Die selbständige Kopfkontrolle ist mit unterschiedlichen Entwicklungs-Breiten von 3 Monaten aufwärts vorhanden, ist aber auch schon früher möglich.

Danach liegt der Schritt zur Überbehütung nahe, die Mutter klammert am Kind, hält den Kopf weiter. Bei dem Kind könnte dies mißverstanden werden und als sublime Aufforderung zur Unterordnung ankommen.

Es gibt zwei Arten der Protektion: Die eine Art wird so gedacht: "Du bist ja mein hilfloses Kleines und ich muß Dich fest halten, um dich zu schützen."

Die andere Art besagt: "Ich will meinem Kleinen die Freiheit lassen, das was es schon kann, auch allein zu tun. Und was es noch nicht kann, dafür gebe ich ihm meine Hilfe, die ich aber Schritt für Schritt zurücknehmen werde."

In dieser Bandbreite von Protektion müssen wir uns einpendeln, selber flexibel sein und sehen was das Kind grade jetzt von uns braucht.

Meine Kinder haben sich bei Ihnen während der Behandlung immer sehr wohlgefühlt. Es gab nie Schreiattacken wie z.B. beim Kinderarzt. Wie sieht Ihre Erfahrung aus? Ist Bobath Kleinkindern angenehm?

O.k, ich danke Ihnen, daß Sie sich daran erinnern. Es ist zwar angestrebt, in ruhiger, harmonischer Weise mit dem Kind umzugehen, wobei wieder die Eltern einen Teil dazu beitragen. 

Aber manchmal gibt es auch schwierige Zeiten, z.B. in der Fremdelphase des Kindes. Oder es wird zu Hause nicht so wie besprochen geübt, "gehandelt". Oder das Kind ist über Wochen bei Verwandten und wird dort schon auf die Beine gestellt, bevor es überhaupt den Vierfüßlerstand kann.

Da gibt es schon mal einen kritischen Dialog und bereits bevor dieser stattfindet, bemerkt das Kind die Unstimmigkeit und fängt an zu schreien. Einfühlung und Überzeugungsarbeit können helfen, die Situation wieder zu entspannen. 

Nochmals: Wichtig ist, daß wir ein Team werden. Das Team darf sein Ziel nicht aus den Augen verlieren und dazu braucht die Krankengymnastin auch eine "liebevolle" Konsequenz.

Wenn das Üben für das Kind mal nicht angenehm ist, nimmt es die Mutter danach auf den Arm, streichelt, gibt Körperkontakt. Auch kleine Pausen erhalten die gute Stimmung des Kindes, besonders gegen Ende der Behandlung.

Angenommen mein erstes Kind ist zur Bobath-Therapie gegangen und ich als Mutter habe mir das Handling zu eigen gemacht. 

Kann es schaden, wenn ich mein nächstes, vielleicht unauffälliges Kind, genauso hochhebe, halte und mit ihm die gleichen Übungen mache?

Auch für ein Kind mit unauffälligem Muskeltonus können Sie einige Übungen aus dem "Handling" übernehmen, wenn Sie wissen, wozu es gut ist. 

Genau das ist auch mein Anliegen an die Eltern, die zur Bobath-Behandlung zu mir kommen, wenn sie das, was sie hier gelernt und verstanden haben, zuhause mit Wissen, bewußt mit ihrem Kind wiederholen.

Machen sie es so, daß sie sich wohlfühlen, dann fühlt sich auch das Kind wohl. 

Zum Beispiel sage ich meinen Müttern immer wieder, sie sollen sich notfalls Telefonbücher unter die Knie schieben sollen, damit sie sich besser hinknien können. Dies erleichtert die Haltung und das Kind merkt dies auch.

Hyperaktive Kinder leiden oft sehr stark an Drei-Monatskoliken, weil sie besonders viel schreien und dabei viel Luft schlucken, außerdem sind sie nervös und übersensibel. Wie kann das Handling dabei helfen?

Diese Frage ist gut geeignet, unser Gespräch abzuschließen. Ja, Sie können mit "Handling" auf dem Schoß dem Kind die Blähungen erleichtern.

Dazu nimmt man das Kind horizontal auf den Schoß, legt einen Arm unter das Kind und legt die andere Hand zwischen den Beinen des Kleinen hindurch bis auf den Bauch. Mit diesem "Griff" wird das Kind in beide Richtungen zur Bauchlage und zur Rückenlage sanft bewegt, wobei sich die Blähungen lösen.

Wir möchten uns herzlich für das Gespräch bedanken, Frau Bode.

copyright Hypies (TM)01/2000

Frau Bode ist ausgebildete Krankengymnastin.
Ihre Tätigkeit besteht in in orthopädischen, neurologischen,
chirurgischen und Bobath-Behandlungen.
Sie arbeitet in ihrer eigenen Praxis in Berlin/Tempelhof.

Berlin, den 14.01.2000